Crailsheimer
Historischer Verein e. V.

von

Im November 2008 feierte der Crailsheimer Historische Verein sein 25-jähriges Bestehen. Die Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte öffnete den Blick auch auf die Existenz eines bisher wenig bekannten und völlig unerforschten Vorgängervereins in den 1920er- bis 1940er-Jahren. Seine Entstehung und Entwicklung sind das Thema dieses Beitrags.

I. Die Gründung des „Altertumsvereins für Stadt und Bezirk Crailsheim“

Am 20. Sept. 1920 und den folgenden Tagen kursierte in den bürgerlichen Kreisen der Stadt Crailsheim ein Rundschreiben mit dem Betreff: Altertumsverein. Angekündigt wurde darin eine öffentliche Besprechung, in der die Gründung eben eines solchen Altertumsvereins in Crailsheim erörtert und zu der die Freunde der Geschichte und die der engeren Heimat im besonderen eingeladen wer den sollten. An die Leser des Rund schreibens erging die Aufforderung:

Euer Hochwohlgeboren [sic!] werden höflichst gebeten, Ihr Interesse an dem allgemein-idealen heimatlichen Gedanken durch gütige Unterschrift, die zu nichts verpflichtet, freundlichst bekunden zu wollen.

Erstunterzeichner des Rundschreibens war der Crailsheimer Dekan Friedrich Hummel.

Die Resonanz auf diesen Vorstoß war durchaus positiv: Innerhalb weniger Tage unterzeichneten ca. 60 Personen, und schon auf Donnerstag, den 7. Okt. 1920, wurde zur Gründung eines Altertums-Vereins (für Stadt und Oberamt) und eines Heimat-Museums in den Saal der Gaststätte „Engel“ eingeladen.

Dieser 7. Okt. 1920 ist das Gründungsdatum des „Altertumsvereins für Stadt und Bezirk Crailsheim“, wie der offizielle Vereinsname lautete. Die an diesem Abend beratene und in der zweiten Gründungsversammlung acht Tage später verabschiedete Satzung beschreibt den Zweck des Vereins mit folgenden Worten:

Seine Arbeit bezweckt die Auffindung, wissenschaftliche Bestimmung, geordnete Erhaltung beziehungsweise Sammlung einheimischer Altertümer, die Förderung aller auf den Schutz der Denkmäler und Ähnliches hinzielenden Bestrebungen im Anschluss an die staatliche Denkmalspflege, sowie die Errichtung und Unterhaltung eines „Heimatmuseums“ in der Stadt Crailsheim.

Der Begriff „Altertümer“, der uns im Folgenden häufiger begegnen wird, umfasste in diesem Gebrauch primär alle gegenständlichen, in zweiter Linie aber auch die schriftlichen Zeugnisse, die aus alten Zeiten erhalten blieben. Darunter fallen sowohl Bau- und Kunstwerke (unter Einschluss von Gefäßen, Waffen oder Werkzeugen) als auch archäologische und schriftlich-bildliche „Nachrichten von den staatlichen, religiösen und sozialen Einrichtungen, von dem öffentlichen und privaten Leben“ früherer Generationen. Wie dies auch andernorts zumeist der Fall war, so stand in Crailsheim die Sorge um die Erhaltung dieser Altertümer und ihre Sammlung am Beginn der Entstehung des historischen Vereins. Auf die enge Verbindung zwischen der Gründung des lokalen Altertumsvereins und der Errichtung eines Museums wird noch einzugehen sein.

Auf der zweiten Versammlung am 15. Okt. 1920 wurden die satzungsmäßigen Vereinsorgane besetzt. Die Leitung des Vereins lag bei einem neunköpfigen Ausschuss, der auf drei Jahre gewählt war. Die führenden Männer dieses Gründungsausschusses waren: – der geschäftsführende Vorstand, Dekan Friedrich Hummel, – dessen Stellvertreter, Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich, – der Schatzmeister des Vereins, der Vorstand der Württembergischen Vereinsbank Crailsheim Max Huber, sowie – der Konservator, Archivar und Schriftführer des Vereins, Dr. Gustav Adolf Müller.

Weitere maximal 16 Personen konnten den neun Mitgliedern des Leitungsausschusses zugewählt werden. 1920 fanden sich darunter aus Crailsheim die Namen von Honoratioren wie Rechtsanwalt Max Dallinger, Konditor Georg Frank, Fabrikant Fritz Lindner, die Gemeinderäte Fritz Leiberich und Albert Luippold, Kaufmann David Stein, Stadtbaumeister Paul Stähle oder Forstmeister Eugen Stochdorph. Insgesamt zehn Ausschussmitglieder stammten aus den Bezirksgemeinden, so die Pfarrer von Satteldorf und Ellrichshausen und die Schultheißen von Honhardt und Unterdeufstetten. Auch Baron Hofer von Lobenstein aus Wildenstein gehörte dazu.

Das sind in Kurzform die äußeren Umstände der Gründung des Crailsheimer Altertumsvereins im Jahr 1920. Sie erklären noch nicht die Hintergründe und Motivationen, die dazu führten, dass sich in diesem Jahr in Crailsheim Männer – und einige wenige Frauen – zusammenfanden, um einen Verein zu gründen, der sich mit der Crailsheimer Geschichte beschäftigen sollte.

Ich möchte deshalb im Folgenden zunächst die Vorgeschichte der Vereinsgründung untersuchen. Ein zweiter Abschnitt behandelt die innere Entwicklung des Vereins und seine Mitgliederstruktur, bevor es im dritten Teil um das Wirken des Altertumsvereins nach außen, also um die Schwerpunkte seiner Vereinstätigkeit gehen soll. Abschließend beschäftigt sich ein vierter und letzter Teil mit der Frage, ob und gegebenenfalls wie sich die Zäsur von 1933 im Vereinsleben bemerkbar machte, ehe der Verein in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs sein recht kurzes Leben wieder aushauchte.

II. Vorgeschichte und Bedingungen der Vereinsgründung

Wenn man sich die Gründungsdaten benachbarter Geschichtsvereine ansieht, wird deutlich, dass Crailsheim am Ende einer Kette von Vereinsgründungen in seiner weiteren Umgebung steht: 1830 wurde der Historische Verein für Mittelfranken in Ansbach gegründet. Ihm folgten 1843 der Württembergische Geschichts- und Altertumsverein in Stuttgart (mit seinem Vorläufer, dem „Württembergischen Verein für Vaterlandskunde“, von 1822) und 1847 der Historische Verein für Württembergisch Franken, der seinen Mittelpunkt zunächst in Künzelsau, später in Schwäbisch Hall hatte.

1893 wurde der Historische Verein „Alt-Dinkelsbühl“ aus der Taufe gehoben und 1904 der Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen, der allerdings auf einen frühen Vorläuferverein in den Jahren von 1819 bis 1822 verweisen konnte.

Beim Blick auf die Bedingungen und Umstände der einzelnen Vereinsgründungen fallen gravierende Unterschiede ins Auge: So gingen die Vereine in Ansbach und Stuttgart auf direkte Initiativen der jeweiligen Landesherren zurück.

Am Anfang des Historischen Vereins für Mittelfranken stand beispielsweise der Aufruf des bayerischen Königs Ludwig I. zur „Pflege des vaterländischen Bewusstseins“. Die staatlich veranlasste und geförderte Gründung von Provinz-Geschichtsvereinen diente im Falle Bayerns ausdrücklich der Integration der im Zuge der europäischen Neuordnung von 1810/15 neu gewonnenen Gebiete in den größeren Gesamtstaat. Die Geschichtsvereine sollten dem gegenseitigen Kennenlernen der verschiedenen Landesteile dienen und die Integration in den bayerischen Staat „gerade dadurch erleichtert werden, dass ihnen die durch antiquarische Erinnerung politisch verharmloste Eigenart ihrer Vergangenheit gelassen wurde“.

Bis heute lassen sich diese ursprüngliche Zielsetzung und die enge Verbindung mit amtlichen Stellen im Falle des Historischen Vereins für Mittelfranken daran erkennen, dass traditionsgemäß der Regierungspräsident, also der regional höchste Repräsentant des Staates, als Vorsitzender des Vereins fungiert.

Auch der Württembergische Verein für Vaterlandskunde wurde vom dortigen Monarchen gestiftet. In seiner Zielsetzung verbanden sich Grundlagenforschung im Bereich der Landes- und Ortsgeschichte, aber auch der Geographie, der Wirtschaftskunde und der Naturwissenschaften mit der praktischen Nutzanwendung der gewonnenen Erkenntnisse. Ausdrücklich sollten dadurch die „Vaterlandsliebe, der Gemeinsinn und das staatsbürgerliche Bewusstsein“ der Bürger gestärkt, das „Zusammenwachsen der verschiedenen Landesteile“ gefördert und so zum „Entstehen eines einheitlichen ‚württembergischen Volkes‘“ beigetragen werden.

Aufgrund seiner Organisationsstruktur – die Mitglieder konnten nicht frei beitreten, sondern wurden per Zuwahl bestimmt und mussten vom König bestätigt werden – bildete der Verein für Vaterlandskunde strukturell ein „elitäres, geschlossenes Gremium“, dem die gewünschte Breitenwirkung versagt blieb. Um dieses Manko zu beseitigen und den Bestrebungen für eine Belebung der Vaterlandskunde eine breitere Basis zu verschaffen, erfolgte 1843 schließlich die Gründung des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins.

Demgegenüber stand am Beginn des Historischen Vereins für Württembergisch Franken eine Initiative von Privatleuten, die neben den bereits bestehenden schwäbischen Geschichtsvereinen eine vergleichbare Einrichtung für den nordöstlichen Landesteil Württembergs wünschten. Als sogenanntes „Neuwürttemberg“ war er während der Jahre 1803 bis 1810 nach und nach an Württemberg gefallen. Es handelte sich um die Gebiete der heutigen Landkreise Schwäbisch Hall, Künzelsau, Main-Tauber und (damals auch noch) Heilbronn.

Die Gründung des Historischen Vereins für Württembergisch Franken stellte sozusagen den Versuch der württembergischen Neuterritorien dar, ihre historisch-kulturelle Identität im größeren württembergischen Staatsverband zu bewahren oder neu zu begründen. Dabei umschloss das Gebiet durchaus sehr unterschiedliche historische Einheiten, etwa die Grafschaft Hohenlohe, Limpurg, Deutschordensgebiete, die Reichsstadt Hall sowie Teile von Brandenburg-Ansbachischem und Rothenburgischem Gebiet. Sie hatten niemals ein einheitliches Territorium gebildet, ließen sich aber naturräumlich als die Region an Tauber, Jagst und Kocher deutlich abgrenzen.

In ähnlicher Weise wie in Württembergisch Franken war bei den Gründungen in Dinkelsbühl und Ellwangen die Erinnerung an die frühere territoriale Unabhängigkeit ausschlaggebend – allerdings jeweils bezogen auf kleinräumiglokale Territorien: einerseits das Gebiet der früheren Reichsstadt Dinkelsbühl, andererseits das Gebiet der ehemaligen Fürstpropstei Ellwangen.

Im Falle Dinkelsbühls nahmen Überlegungen zur Förderung des Fremdenverkehrs bei der Vereinsgründung eine besondere Rolle ein: Die Etablierung des Vereins im Jahr 1893 lässt sich eine Reihe stellen mit zwei einschneidenden Wegmarken bei der touristischen Entdeckung der Stadt: der Radtour Münchener Kunststudenten im Jahr 1889 und der erstmaligen Aufführung des historischen Festspiels der „Kinderzeche“ 1897.

Von allen genannten Beispielen unterschied sich die Situation in Crailsheim deutlich: Die Stadt Crailsheim hatte nie ein eigenes souveränes Territorium besessen, an das die Gründung eines Geschichtsvereins hätte anknüpfen können. Von der historischen Entwicklung her hätte Crailsheim sowohl beim Historischen Verein für Mittelfranken als auch bei Württembergisch Franken zugehörig sein können.

Die längste Zeit seiner Geschichte hatte es zum Markgraftum Brandenburg-Ansbach, dem nunmehrigen Mittelfranken, gehört. Aber die seit 1810 bestehende Staatsgrenze und die staatsbayerische Ausrichtung des Ansbacher Vereins vereitelten mögliche Anknüpfungspunkte. Auf der anderen Seite lag Crailsheim rein topografisch im Zuständigkeitsbereich von Württembergisch Franken. Und in der ersten Mitgliederliste dieses Vereins tauchen tatsächlich auch zwei Männer aus dem Oberamt Crailsheim auf, nämlich der Oberamts-Aktuar Hager aus Crailsheim und Pfarrer Mayer von Triensbach.

Warum bildete sich in Crailsheim dennoch ein eigener historischer Verein? Es dürften vor allem zwei Gründe eine Rolle gespielt haben: Zum einen befand sich Crailsheim im Bereich von Württembergisch Franken in einer Randlage. Man fühlte sich offenkundig im bestehenden Verein, der seinen Schwerpunkt eindeutig in Künzelsau und Hall hatte und immer noch hat, nicht ausreichend repräsentiert. Der Altertumsverein Crailsheim gehört damit typologisch in die Reihe der späten Neugründungen um 1900, die vor allem in „bisher unterrepräsentierten Teilräumen älterer Historischer Vereine“ entstanden.

Zum anderen besaß Crailsheim aufgrund seiner relativen Größe und seiner nicht unbedeutenden Historie – man denke nur an seine Bedeutung als eine der markgräflichen Haupt- und Residenzstädte – ein beachtliches Eigengewicht, das nach einer eigenständigen Erforschung und Darstellung der Stadtgeschichte verlangte. Gerade auch die oben angedeutete spezifische Situation der Ortsgeschichte zwischen dem bayerischen Mittelfranken und Württembergisch Franken erforderte einen eigenen Träger der Überlieferung, der dieser ambivalenten Ausrichtung gerecht werden konnte.

Beide Faktoren zusammen dürften dazu beigetragen haben, dass sich 1920 der Crailsheimer Altertumsverein als eigenständiger Verein etablierte. Der konkrete Weg dorthin soll im Folgenden in seinen einzelnen Schritten kurz skizziert werden.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die Stadt Crailsheim immer wieder und mit zunehmender Häufigkeit mit Fragen ihres historischen Erbes auseinander zu setzen. Einige Bespiele sollen dies illustrieren: 1903 entwickelte sich eine Korrespondenz zwischen dem Stadtschultheißenamt Crailsheim unter Hugo Sachs, dem Stadtbauamt unter Leitung von Georg Weick und dem Kirchengemeinderat in der Person von Stadtpfarrer Friedrich Hummel über den Wert und die Unterbringung der im Zuge der Neugestaltung des Kapellenplatzes abgenommenen Brunnenfigur des Kapellenbrunnens. In diesem Zusammenhang tauchte erstmals die Erwägung auf, in Crailsheim ein Museum einzurichten, in das Objekte wie die in Frage stehende Figur aufgenommen werden könnten. Als Domizil war dabei die Gottesackerkapelle auf dem alten Friedhof im Gespräch.

Im März 1910 erreichte eine Anfrage des Königlichen Landesgewerbemuseums in Stuttgart das Crailsheimer Stadtschultheißenamt. Es ging um die ehemalige Fayencefabrik in Crailsheim. Das Landesgewerbemuseum plante eine Ausstellung süddeutscher Fayencen und wünschte Informationen über den Forschungsstand zu der früheren Crailsheimer Produktion. Die Stadt fragte bei Dekan Hummel nach, der sich durch sein ausgesprochenes historisches Interesse zu dieser Zeit allmählich den Ruf eines Stadthistorikers erwarb. Aber auch Hummel musste konstatieren, dass in Crailsheim kaum Kenntnisse über diese wahrlich nicht unbedeutende Einrichtung vorlägen.

Im gleichen Jahr 1910 ließ die Direktion der Königlichen Staatssammlung vaterländischer Altertümer in Stuttgart der Stadt eine Mitteilung zukommen, dass es in Köln zu einer Versteigerung mehrerer Crailsheimer Zunftzeichen kommen werde. Die Stadt lehnte ihrerseits einen Ankauf ab, leitete die Information aber an den örtlichen Gewerbeverein weiter. Angeblich aufgrund des hohen Preises kam ein Erwerb der stadthistorisch bedeutsamen Gegenstände nicht zustande. Stadtschultheiß Hugo Sachs machte in einem Schreiben vom 19. Mai 1910 nach Stuttgart auf das eigentliche Manko aufmerksam:

Bedauerlich ist die Nichterwerbung; allein in Städten wie hier, wo keine Altertumsvereine bestehen, fehlt in der Regel das Interesse für derartige Sachen.

Das Defizit, welches durch das Fehlen eines Geschichtsvereins bestand, wurde also durchaus erkannt, vor allem da in den Folgejahren ähnliche Anfragen immer wieder an die Stadtverwaltung gerichtet wurden, aber mangels einer Altertumssammlung durch weg abschlägig beschieden werden mussten. Es blieb dem Nachfolger Hugo Sachs’, Friedrich Fröhlich, vorbehalten, erste konkrete Schritte zum Aufbau einer Sammlung sogenannter Altertümer zu ergreifen. Zur Unterstützung dieser Bemühungen erschien die Etablierung eines historischen Vereins, der sich der zu schaffenden Museumssammlung annehmen sollte, sinnvoll.

Vom 24. Jan. 1912 datieren zwei Schreiben Fröhlichs. Eines war an die jenseits der württembergisch-bayerischen Grenze gelegene Nachbarstadt Feuchtwangen gerichtet. Der Crailsheimer Stadtschultheiß fragte wegen eines Katalogs und eines möglichen Besuchs der dortigen Altertumssammlung an. Das zweite Schreiben ging an Prof. Dr. Eugen Gradmann, den württembergischen Landeskonservator, der darin um seine Ratschläge für die Einrichtung einer entsprechenden Sammlung auch in Crailsheim gebeten wurde.

Auch in seiner Stadtfeiertags-Ansprache 1912 wies Stadtschultheiß Fröhlich erstmals öffentlich auf Überlegungen zur Gründung einer Altertumssammlung in Crailsheim hin. Er begründete seine Initiative mit dem Ziel, den Fremden aus früheren Zeiten Sehenswertes bieten zu können. Im Mittelpunkt standen bei ihm also zunächst Überlegungen des Fremdenverkehrs.

Am 1. Mai 1912 kam es zum gewünschten Besuch des Landeskonservators Eugen Gradmann in Crailsheim. Bei der anberaumten Besprechung über die Anlegung einer Museumssammlung zeigte sich der Experte zunächst eher skeptisch: Die Zeit zur Errichtung einer Sammlung sei schon sehr vorgeschritten. […] Wenn auch manches sich beschaffen lasse, so halte er doch für ausgeschlossen, dass Crailsheim es noch zu einer Sammlung bringe, wie sie in seinen Nachbarstädten Hall, Ellwangen, Mergentheim, Feuchtwangen vorhanden sind.

Dennoch riet Gradmann dann aber doch zu, den Versuch nicht zu unterlassen, dabei sich namentlich auch auf Schreinwerk & Trachten zu verlegen & die Sammlung nicht ausschließlich auf Altertümer zu beschränken, sondern eine Naturalien-Sammlung mit ihr zu verbinden.

In der Frage des Unterbringungsortes des Museums wandte sich Gradmann gegen die Gottesackerkirche, die aus seiner Sicht zu wenig sicher wäre und als Kirche erhalten bleiben sollte. Demgegenüber hielt er den alten Spital für den geeignetsten Ort der Sammlung.

In den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs trat ein weiteres Problem des bisherigen Umgangs mit Kulturgut in Crailsheim zunehmend ins öffentliche Bewusstsein: der Verkauf sogenannter Altertümer an auswärtige Sammlungen.

Ein Beispiel dafür war etwa die Abgabe der farbigen Glasfenster der Gottesackerkirche 1902 in die Sammlung der vaterländischen Altertümer und Kunstdenkmale in Stuttgart, dem heutigen Württembergischen Landesmuseum, oder der Verkauf der Waffen über dem Wolffsteinschen Grabdenkmal in der Johanneskirche im gleichen Jahr.

Eine weitere Gefahr für die kultur- und stadtgeschichtlich bedeutsamen Objekte in Privatbesitz stellten die (Antiquitäten-)Händler dar, die sich für jeweils einige Tage in der Stadt einmieteten und gegen ein entsprechendes Entgelt nach „Altertümern“ Aus schau hielten und sie aufzukaufen suchten.

1915 erschien im Fränkischen Grenzboten eine von Seiten der Stadt lancierte offizielle Warnung vor dem Verkauf von Altertumsgegenständen an auswärtige Händ ler: Es wäre bedauerlich, wenn das Wenige, was aus alter Zeit als Erinnerung an Denk- und Lebensweise und Arbeitstätigkeit unserer Vorfahren im Bezirk noch vorhanden ist, auch vollends verschwinden würde. Wie wir wissen, hat die Stadtgemeinde Crailsheim seit einigen Jahren das Bestreben, was von solchen Gegenständen noch zu retten ist, in eine örtliche Sammlung aufzunehmen, um sie so unseren Nachkommen als Andenken und zur Belehrung und Bildung zu erhalten.

Vor dem Verkauf sollten die Altertümer der Stadt angeboten werden. Man pflegt damit Lokalgeschichte und fördert eine Einrichtung, an der sich Kinder und Kindeskinder noch freuen.

Eine spezielle Gefahr für die noch bei der Stadt bzw. in Privathaushalten vorhandenen historischen Gegenstände bedeuteten auch die organisierten Ablieferungen und Beschlagnahmen von Metallobjekten während des Ersten Weltkriegs. Es war vor allem Dekan Hummel und dem jüdischen Geschäftsmann und Gemeinderat Josua B. Stein zu verdanken, dass dabei Kunst- und Altertumsgegenstände rechtzeitig ausgeschieden und als Grundstock für eine zukünftige städtische Altertumssammlung zurückbehalten wurden.

Die geschilderten Vorgänge belegen, dass die Forderung nach Erhaltung historischer Kulturgüter und der Wunsch nach ihrer musealen Sammlung und, wenn möglich, Präsentation in Crailsheim durchaus schon vor 1920 virulent war. Sicherlich darf man das öffentliche Interesse daran nicht überschätzen, aber die Ent wicklung bis 1918 zeigt, dass vor allem auch die Stadtverwaltung selbst auf diesem Feld Handlungsbedarf sah. Insbesondere Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich hatte für die Fragen des kulturellen Erbes der Stadt ein stets offenes Ort.

Entscheidend für die Realisierung einer Idee sind fast immer Personen, die die Initiative ergreifen. Dies war auch im Falle des Crailsheimer Geschichtsvereins und seiner Altertumssammlung so. Zur entscheidenden Persönlichkeit wurde hier vor allem ein Mann, der erst nach Ende des Krieges überhaupt nach Crailsheim kam: Dr. Gustav Adolf Müller, der Leiter des Reformpädagogiums Crailsheim.

Müller wurde 1866 in Buch in Baden geboren und hatte in Tübingen und Freiburg Philologie, Literatur und Geschichte (mit Schwerpunkt Archäologie) studiert. Er war ein weit gereister Mann, der unter anderem mehrere Italienfahrten hinter sich hatte. Sie hatten ihn vor allem nach Rom und Süditalien geführt, wo er – wie auch in Bayern und im Elsass – an archäologischen Ausgrabungen teilgenommen hatte, so etwa in den Katakomben Roms oder in Pompeji.

Nach seiner Heirat 1888 war Müller nach München übergesiedelt und hatte eine äußerst umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit begonnen. 1917 gründete er eine höhere private Reformschule mit Internat in Leutkirch. Wegen des dort herrschenden Raummangels verlegte er die Schule 1919 nach Crailsheim, wo sie mit nahezu 50 Schülern am 2. Mai 1919 als „Reformpädagogium Crailsheim“ im Spital eröffnet wurde.

Mit dem Beginn seiner Tätigkeit in Crailsheim setzte Schulleiter Müller in einem Umfang Impulse im kulturellen Leben der Stadt, wie es sie bisher noch nicht gegeben hatte: Angeboten wurden Sprachkurse und vor allem öffentliche Vortragsreihen. Volkstümlich-wissenschaftliche Vorträge aus den Themenbereichen Geschichte, Kunst, Literatur, einschließlich Dichterlesungen, aber auch Reiseberichte standen auf dem Programm. Veranstaltungsort der meist vor vollem Haus stattfindenden Vorträge war in der Regel der Saal von Post-Faber in der Langen Straße.

Im Rahmen dieser „Fabersaal-Vorträge“ fand am 1. Nov. 1919 auch ein erster Vortrag zur Crailsheimer Stadtgeschichte statt. Als Referenten hatte Müller den Crailsheimer Dekan Friedrich Hummel gewinnen können. Sein Thema: „Allerlei aus Crailsheims alten und neuen Tagen“. Friedrich Hummel trat seit Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig mit historischen Vorträgen in Crailsheim auf und galt, wie kein zweiter, als ausgewiesener Kenner der Stadtgeschichte. Seinem Fabersaal-Vortrag lauschten 400 (!) Zuhörer. Der große Erfolg führte dazu, dass Müller im darauf folgenden Halbjahr einen weiteren Hummel-Vortrag zur Crailsheimer Geschichte in sein Programm aufnahm.

Gustav Adolf Müller verfügte aufgrund seiner zahlreichen Reisen und vielfältigen Forschungen persönlich über einen größeren Bestand an interessanten historischen Objekten, so zum Beispiel über einen Münzenfund von der Halbinsel Sinai oder über eine Handschriftensammlung u. a. mit Autographen von Johann Wolfgang von Goethe, Justinus Kerner oder Henrik Ibsen. Immer wieder wies Müller darauf hin, dass er seine persönliche Sammlung auch als Anschauungslehrmittel wie als etwaige spätere Stiftung für eine (erstrebenswerte) Crailsheimer Altertumssammlung betrachtete.

Wo aber blieb die Beteiligung der Crailsheimer? Die Initiativen Müllers wurden im Juli 1920 erstmals öffentlich von einem Vertreter des Crailsheimer Bürgertums positiv aufgegriffen. Rechtsanwalt Max Dallinger äußerte sich in einem Leserbrief des Fränkischen Grenzboten. Dort heißt es:

Der Gedanke, in Crailsheim einen Altertumsverein zu gründen, schlummert schon seit mehreren Jahren in hiesigen Kreisen und der Herr Direktor des Reformpädagogiums hat ihn gleich nach seiner Niederlassung hier mit Freuden aufgegriffen. […] Viele Altertümer und Andenken an Crailsheims Vergangenheit sind im Besitze der hiesigen Bürgerschaft, die bei baldigem Zugriffe noch für den Verein und damit für unsere Stadt zu retten wären. Dallinger verwies dabei auf das Vorbild Ellwangen. Er fuhr fort: Nachdem Herr Dr. Müller mit wertvollen Gaben die Reihe der Schenker zu eröffnen gewillt ist, sollte mit der Gründung des Vereins nicht mehr allzu lange gezögert werden.

Am 31. Aug. 1920 veröffentlichte Gustav Adolf Müller schließlich einen programmatischen Beitrag in der Lokalzeitung, in dem er insbesondere zur Rettung und Erhaltung vorgeschichtlicher Funde im Oberamt aufrief: Für die wichtige Sache, das was von Denkmälern der Urzeit noch aufzusuchen, festzustellen, statistisch aufzunehmen, museal zu retten wäre, sei es fünf Minuten vor 12 Uhr.

Müller wandte sich mit deutlichen Worten gegen den unrühmlichen kulturlosen Schlendrian in Crailsheim: […] vieles ist versäumt, manches vernachlässigt und fast nichts getan worden, um die Spuren der Vorgeschichte und Denkmäler der prähistorischen Zeit, die Reste der Urzeit unserer Heimat zu retten.

Und er endete mit einem eindringlichen Appell: Ich bin kein Crailsheimer Kind und kannte vorher die Geschichte des Bodens noch nicht genau. Gerne stelle ich Erfahrungen und Opferwillen in den Dienst der Vorgeschichte, die mir, ehe ich im Krieg ausschließlich zur Schule übertrat, schönster und poesiereichster Beruf war. Als „Fremdling“ hat es immer etwas Peinliches, die „Einheimischen“ aufzufordern, sich doch ihrer Heimat etwas ernstlicher anzunehmen. […] Aber – der gebildete Fremde misst nun einmal auch daran das Maß der Ortskultur und der gebildete Einheimische ärgert sich mit Recht, wenn nichts geschieht. Ein Altertumsverein ist für Crailsheim eine dringendere Notwendigkeit als manches Andere von nebensächlichen Dingen. Ein Heimatmuseum wäre ein Ehrenmal für die alte Stadt.

Dieser Aufsatz gab den letzten Anstoß zur Gründung des Crailsheimer Altertumsvereins. Wenige Tage später richtete Müller ein Schreiben an die Stadtverwaltung mit der Bitte, die Bestrebungen zur Gründung eines Altertumsvereins und Einrichtung einer entsprechenden Sammlung zu unterstützen – Hilfe, die der Gemeinderat mit Beschluss vom 16. Sept. 1920 zusagte.

Vier Tage später kam jenes Rundschreiben in Umlauf, von dem oben die Rede war und das zur endgültigen Gründung des Vereins am 7. Okt. 1920 führte. In der Gründungsversammlung ergriffen die maßgeblich Verantwortlichen das Wort: Rechtsanwalt Dallinger, Direktor Gustav Adolf Müller, Dekan Hummel und Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich.

Müller, der eigentliche Motor der Vereinsgründung, übernahm auf eigenen Wunsch als Konservator, Archivar und Schriftführer des Vereins die wissenschaftlich-museale Seite der Vereinsaufgaben. Nach seiner Auffassung musste die Vereinsleitung unbedingt in eigentlich Crailsheimer Händen bleiben.

Über die Person des Vorstands gab es keine große Diskussion. Es konnte nur Dekan Friedrich Hummel als der besonders maßgebende Kenner der Ortsgeschichte sein. Sein Stellvertreter wurde Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich – ein neuerlicher Beleg für die enge Verknüpfung des Vereins mit den Verantwortlichen der Stadt.

III. Vereinsentwicklung und Mitgliederstruktur

War das einladende September-Rundschreiben Dekan Hummels von 59 Crailsheimerinnen und Crailsheimern unterzeichnet worden, so traten am Gründungstag dem neuen Verein zunächst 50 Personen bei.

Die Mitgliederentwicklung nahm in der Folge einen zunächst stockenden Verlauf: Anfang Dezember 1920 zählte man erst 58 Mitglieder, bevor in den folgenden Wochen ein beachtlicher Mitgliederzuwachs zu verzeichnen war: Ende Januar 1921 überschritt die Mitgliederzahl des Vereins die Marke von 100 Personen und stieg bis Mitte Februar auf 107 Mitglieder.

Aussagekräftige Zahlen liegen dann erst wieder aus den 1930er-Jahren vor. So belief sich die Mitgliederstärke Anfang 1934 auf 134 Personen. Nach einem kleinen Rückgang in den folgenden Monaten (Ende 1934: 127 Mitglieder, darunter neun Gemeinden) stieg die Zahl weiter kontinuierlich an: Ende 1935 waren es 157 Mitglieder (darunter elf Gemeinden) und Ende 1938 erreichte der Altertumsverein Crailsheim seinen Mitgliederhöchststand mit 167 Mitgliedern (darunter elf Gemeinden). Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sank die Zahl leicht ab, hielt sich aber mit 155 Mitgliedern (darunter elf Gemeinden) Anfang 1942 und 153 Mitgliedern Anfang 1943 auf einem beachtlichen Niveau.

Interessant ist ein Blick auf einige Aspekte der Mitgliederstruktur des „Altertumsvereins für Stadt und Bezirk Crailsheim“. Als Grundlage soll eine Mitgliederliste von Anfang Februar 1921 dienen, die 107 Vereinsangehörige zum großen Teil mit Beruf und Wohnort namentlich aufführt.

  • Wie schon der Vereinsname signalisierte, legten die Gründer Wert darauf, dass nicht nur Bewohner der Stadt Crailsheim dem Verein beitraten, sondern auch Angehörige des umliegenden Bezirks. In diesem Bemühen waren sie durchaus erfolgreich. Die Liste weist 21 Personen auf, die aus den Landgemeinden des Crailsheimer Umlands stammten – immerhin fast 20 Prozent der Gesamtmitgliederzahl. Von ihrer beruflich-sozialen Zuordnung her handelte es sich vor allem um Schultheißen (5), Lehrer (5), Pfarrer (4) und Gutsbesitzer (4), also durchweg um Personen aus der dörflichen Oberschicht.
  • Unter den 107 Mitgliedern befanden sich drei Frauen. Es waren dies eine Lehrerin Fräulein Fauck, die Internatsleiterin des Reformpädagogiums, Luise Lampmann, und ein Fräulein Dora Auspurg, über das nichts Näheres be- kannt ist. Dies entsprach einem Frauenanteil von knapp drei Prozent. Bei Fauck und Lampmann waren sicherlich ihre beruflichen Tätigkeiten für das Interesse an einem Vereinsbeitritt ausschlaggebend. Alle drei Frauen stammten nicht aus alt eingesessenen Crailsheimer Familien, sondern waren nur vorübergehend in Crailsheim ansässig. Aus den Crailsheimer bürgerlichen Kreisen trat keine Frau dem Verein bei.
  • Zu den frühen Mitgliedern gehörten auch fünf Crailsheimer jüdischen Glaubens: der frühere Hauptlehrer Straus, der aktuelle Lehrer Wochenmark sowie die Kaufleute David Stein, Josua B. Stein und Adolf Stein. Ihr Anteil an der Gesamtmitgliederzahl lag bei 4,7 Prozent und damit in etwa in Höhe des jüdischen Bevölkerungsanteils in Crailsheim in diesen Jahren.
  • Blickt man auf die Berufsstruktur der Vereinsmitglieder, so dominierten ganz eindeutig Crailsheimer Geschäftsleute und Handwerksmeister (32), gefolgt von Beamten aus der Stadt- und Oberamtsverwaltung sowie von Bahn und Post (20). An dritter Stelle lag der Berufsstand der Lehrer (15). Fast zwei Drittel der Mitglieder gehörten diesen drei sozialen Gruppen an. Mit gehörigem Abstand folgten Pfarrer (7) und Ärzte bzw. Apotheker (6). Wie dies bereits bei anderen historischen Vereinen festgestellt wurde, so war auch der Altertumsverein Crailsheim eine Domäne des (Bildungs-)Bürgertums. Arbeiter oder Angehörige der unteren Schichten fehlten völlig.
  • Interessant ist, dass auf der Unterschriftenliste des Rundschreibens von September 1920 mit den SPD-Gemeinderäten Franz Metz und Dina Barth noch zwei Angehörige der Arbeiterbewegung ihr Interesse an der Gründung eines Altertumsvereins bekundet hatten. In der Mitgliederliste fehlen beide. Die soziale Exklusivität des bürgerlichen Vereins blieb unangefochten.
  • Mitglied im Verein konnten Privatpersonen, aber auch Gemeinden oder sonstige öffentliche Körperschaften werden. Die erste Bezirksgemeinde, die dem Verein beitrat, war im Januar 1921 Waldtann, kurz darauf gefolgt von Oberspeltach. Bei der Stadt Crailsheim dauerte es mit dem Beitritt bis Mitte Februar 1921.

Ein erster Höhepunkt der noch jungen Vereinsgeschichte war der Besuch des Landeskonservators und Direktors der württembergischen Staatssammlungen, Prof. Peter Gößler, in Crailsheim. Mit dem Vorstand des Altertumsvereins tauschte er sich über die zukünftige Arbeit in Crailsheim aus, besichtigte die Kirchen der Innenstadt und gab eine Reihe wertvoller Anregungen.

Von Gustav Adolf Müller wurde Gößler überdies für Januar 1921 zu einer öffentlichen Veranstaltung nach Crailsheim eingeladen. Titel des Vortrags: „Was sagt uns die Heimat?“

Wichtig für die Entwicklung des Vereins war die Aufforderung des Experten aus Stuttgart, die Vereinsaufgaben auszuweiten und über das Sichern und Sammeln historischer Altertümer im engeren Sinne hinaus auch Themen der Natur- und Volkskunde zu berücksichtigen. Ein solcher erweiterter Heimatverein, so Gößler, sei auch dazu aufgerufen, einen Beitrag für die Erhaltung historischer Stadtansichten und Straßenbilder zu leisten, Verschandelungen zu verhindern, bei der Renovierung historisch bedeutsamer Gebäude mitzusprechen und sinnvolle Vorschläge für Straßenbenennungen einzureichen.

In Crailsheim fielen die Empfehlungen auf fruchtbaren Boden. Die zusätzlichen Aufgaben wurden in der Satzung festgeschrieben und der Verein erhielt den neuen, erweiterten Namen „Altertums- und Heimatverein für Stadt und Bezirk Crailsheim“.

Die positive Vereinsentwicklung der ersten Monate wurde getrübt durch interne Querelen, deren erstes Opfer der Direktor des Reformpädagogiums Gustav Adolf Müller war. In einem vertraulichen Schreiben an den Vereinsvorsitzenden Dekan Hummel vom 1. Febr. 1921 nennt Müller einige der Hintergründe:

Als Zugezogener sah er sich in Teilen der Crailsheimer Bürgerschaft einem misstrauischen, ja ablehnenden Blick ausgesetzt. Er beschwerte sich über die in der Presse erfolgte Verhöhnung als „Collector der Kultur“ in Crailsheim und sah dahinter Kreise am Werke, die ihm mit kleinstädtischem Neid und der Blasiertheit der Alteingesessenen begegneten. Auch seine katholische Konfession sei Grund dafür, dass er von einem Teil des Crailsheimer Bürgertums abgelehnt würde.

Unterschiedlich seien schließlich die Auffassungen über die Arbeit im Altertumsverein selbst: Es gebe dort, so Müller, eine Vereinsklique, die aus ihm einen „Tanzverein“ machen wolle, wie sie es gewöhnt ist, aber ich lehne es ab, da mitzutun. Auch seien manche der Mitglieder und Verantwortlichen von seinem Arbeitstempo und seinen immer neuen Ideen überfordert.

Müller teilte Dekan Hummel seinen Rückzug aus dem Verein mit: Aber ich will meine letzte Zeit auf eigenem Boden arbeiten, in meinen Vorträgen vor dankbaren Hörern, und will kein Gesellschaftsbettler, sondern ein stiller Gelehrter sein, laut nur in der Arbeit fürs – Ganze. Darum gehe ich von allem, was mich in diese ekelhaften „Vereinskliquen“ bringen kann. Das, so Müller weiter, schulde er seinem Ansehen außerhalb Crailsheims und seiner Arbeit.

Müllers Reformpädogogium verließ Crailsheim im Sommer 1921. Die Enttäuschung des Schulleiters mag einer der Gründe gewesen sein. Sie war aber nicht der einzige. Eine wichtige Rolle spielten auch neue gesetzliche Bestimmungen für Privatschulen, die das Überleben dieser Anstalten immer schwieriger gestalteten. Gustav Adolf Müller starb am 1. Sept. 1928 im Alter von 62 Jahren in Horb.

Der Rückzug des bisherigen „Vereinsmotors“ bedeutete für den jungen Verein einen herben Verlust. Im Spätsommer 1921, also bereits knapp ein Jahr nach der Gründung, kam die satzungsmäßige Vereinsarbeit mit Ausschuss-Sitzungen, Hauptversammlungen und öffentlichen Veranstaltungen völlig zum Erliegen. Der Altertums- und Heimatverein verschwand aus dem öffentlichen Leben Crailsheims.

Hinter den Kulissen waren es ausschließlich Dekan Hummel und Stadtschultheiß Fröhlich, die sporadisch an einer Vergrößerung des Sammlungsbestandes und vor allem der erstmaligen Einrichtung eines Museumszimmers arbeiteten. Davon unten mehr.

Bezeichnend für die sehr bescheidene Rolle des Vereins in diesen Jahren ist es auch, dass das wichtigste Crailsheimer Geschichtsprojekt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die Herausgabe des „Heimatbuchs Crailsheim“ im Verlag Robert Baier – ohne irgendeine Erwähnung des Vereins zur Durchführung kam. Zwar arbeiteten an dem Buch zahlreiche bisherige Vereinsmitglieder mit, allen voran natürlich Hauptautor Friedrich Hummel und Herausgeber Johann Schumm. Der Verein selbst trat jedoch an keiner Stelle in Erscheinung.

Über mehr als sechs Jahre war der Altertumsund Heimatverein von der Bildfläche verschwunden. Ein erstes Lebenszeichen gab es wieder im November 1927, als der zweite Vorsitzende, Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich, in einem Rundschreiben darüber berichtete, dass zumindest in der Stadt Crailsheim die Vereinsbeiträge für das laufende Jahr wieder eingezogen und davon wertvolle Neuerwerbungen beschafft worden waren.

Es dauerte dann noch einmal zwei Jahre, bevor im Herbst 1929 das ordentliche Vereinsleben seine Fortsetzung fand. Angesichts der langen Unterbrechung war teilweise sogar von einer Neugründung des Vereins die Rede.

Für den 7. Nov. 1929 wurde eine ordentliche Ausschusssitzung mit den im Jahr 1920 gewählten Mitgliedern, soweit sie noch vorhanden sind, einberufen. Die Sitzung sollte die erste Hauptversammlung nach acht Jahren vorbereiten, um dadurch dem Altertums- und Heimatverein wieder mehr Leben zu verschaffen und das Interesse an geschichtlich wertvollen Gegenständen sowie an ihrer Sammelstätte (Heimatmuseum) zu heben.

Verbunden wurde diese Hauptversammlung mit einem Vortrag von Friedrich Hummel, der inzwischen als Crailsheimer Dekan in Ruhestand getreten und nach Gaildorf verzogen war, der jedoch weiterhin die Funktion des ersten Vorsitzenden ausfüllte. Seine Vorträge zu den Hauptversammlungen waren in den Folgejahren sein wichtigster Beitrag zum Vereinsleben. Daneben gab er als der ausgewiesene Kenner der Stadtgeschichte Gutachten über den Ankauf von angebotenen Altertumsstücken für das Heimatmuseum ab. Die Geschäfte des Vereins vor Ort in Crailsheim führte in erster Linie Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich.

Seit der Wiederbelebung 1929 waren neben Hummel und Fröhlich – dem ersten und dem zweiten Vorsitzenden – aber auch einige neue Köpfe für den Verein aktiv. Sie bestimmten in den nächsten Jahren das Vereinsleben mit und sollen deshalb hier wenigstens namentlich Erwähnung finden:

Schatzmeister des Vereins war ab 1929 Oberlehrer Wilhelm Andrassy, Schriftführer, Konservator und Archivar Hauptlehrer Emil Beck64. Für die Sammeltätigkeit und historische Arbeit von besonderer Bedeutung waren in den Jahren nach 1929 auch Bäckermeister Wilhelm Beck und Studienrat Isidor Fischer. Eine Aufwertung erfuhr der Verein durch die gelegentliche Mitarbeit von Geheimrat und Reichstagsabgeordneten Hans Sachs, den Sohn des früheren Stadtschultheißen Leonhard Sachs. Ansonsten begegnen einem viele Männer aus dem Crailsheimer Bürgertum, die schon 1920/21 dabei waren, etwa Rechtsanwalt Dallinger, Stadtbaumeister Stähle, Konditor Frank sen., Gerbermeister Fritz Leiberich oder der jüdische Kaufmann David Stein.

Von 1929 bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs wurde die Vereinsarbeit nun kontinuierlich fortgeführt. Jährlicher Höhepunkt – und zumeist auch die einzige Vereinsveranstaltung des Jahres – war die Hauptversammlung, die gewöhnlich im Herbst stattfand.

IV. Vereinsaktivitäten

Lichtbild-Reihe „Crailsheim“

Noch in die Phase der allmählichen Konstituierung des Altertumsvereins Ende 1919/Anfang 1920 fällt ein Projekt, das maßgeblich von Gustav Adolf Müller in seiner Funktion als Leiter des Reformpädagogiums initiiert und durchgeführt wurde, das aber bereits ein wichtiges stadthistorisches Projekt im unmittelbaren Vorfeld der Vereinsgründung darstellte und wegen seiner Bedeutung hier angeführt werden soll.

Ende 1919 gründete sich die Vereinigung „Schwäbisches Lichtbild“. Zweck des Zusammenschlusses war es, durch Stiftung und Beschaffung von Lichtbildfolgen und hiezu passenden Vortragstexten überall die Liebe und die tiefere Kenntnis unseres Schwabenlandes zu wecken, indem „Lichtbildreihen“ über tunlichst viele Gegenden, Städte, Bezirke leihweise zur Verfügung gestellt werden sollen.

Das Reformpädagogium Crailsheim trat der Vereinigung sofort bei – mit dem erklärten Willen, im Rahmen des Gesamtunternehmens auch eine Bilderserie über Crailsheim und seine Umgebung erarbeiten zu lassen: Eine Lichtbilder - reihe „Jagsttal“ und besonders „Crailsheim“ ist sicher ein ebenso ideales wie praktisches Mittel, unserer geschichtlich bedeutsamen Stadt auch in geographischem und wirtschaftlichem Sinne Besucher aus der Ferne zu werben. Motiv der Mitarbeit war also vorrangig die Förderung des Fremdenverkehrs in Crailsheim.

Unterstützt durch finanzielle Beiträge der Stadt Crailsheim und einige private Spenden entstanden im Laufe des Frühjahrs und Sommers 1920 in der Regie der Verlagsbuchhandlung Franz Bucher in Ellwangen die gewünschten Lichtbilder. Und am 5. Okt. 1920, zwei Tage vor der Gründung des Altertumsvereins, wurde im Rahmen eines Fabersaal-Vortrags des Reformpädagogiums die Bilderreihe „Kunstdenkmäler aus dem Jagstgebiet“ präsentiert, die erste Aufnahmen auch als Crailsheim beinhaltete.

Im Dezember 1920 waren die Arbeiten an der eigentlichen Lichtbildreihe „Crailsheim“ abgeschlossen. Es handelte sich übrigens – gemeinsam mit Ellwangen und Heilbronn – um die erste in Württemberg überhaupt. Die Serie mit 36 Bildern konnte ab diesem Zeitpunkt über die Geschäftsstelle des württembergischen Fremdenverkehrsvereins ausgeliehen werden. Im Februar 1921 wurde sie auch als Ansichtskarten-Reihe veröffentlicht.

Es entstand damit 1920 die erste zusammenhängende Bilderfolge über Crailsheim, deren einzelne Motive bis heute eine wertvolle bildliche Quel le für die alte Stadt geblieben sind. Ob sich die Gesamt-Bilderreihe irgendwo erhalten hat, ist unklar. Einige der Aufnahmen sind als Postkarten aber im Stadtarchiv überliefert.

Heimatmuseum Crailsheim

Von Beginn an stand die Gründung des Altertums- und Heimatvereins Crails- heim in engem Zusammenhang mit der Errichtung eines Heimatmuseums. Im Prinzip war dies der zentrale Grund der Vereinsgründung.

Bereits im September 1920 veröffentlichte Gustav Adolf Müller in der Lokalzeitung einen längeren Aufsatz mit dem Titel Ein „Heimatmuseum“ – Zur Aufklärung *. Daraus soll der entscheidende Abschnitt hier zitiert werden: *Wie schon die Bezeichnung sagt, wollen diese Sammlungen sich mehr oder minder auf die Grenzen der engeren Heimat beschränken, wollen sie deren Vorgeschichte und Geschichte in den auffindbaren äußeren Spuren zur Anschauung bringen und alles, was zur Kulturgeschichte der Heimat gehört und einen Wert für diese Anschauung besitzt, vor der Vernichtung retten und übersichtlich ordnen.

Heimatgeschichte anschaulich machen und historisch wertvolle Objekte sichern, inventarisieren und präsentieren – das sind die Zielsetzungen, die Müller hier formuliert und die man so auch heute noch als zentrale Aufgaben eines Museums unterschreiben könnte.

Und so wurden bereits zwei Wochen nach Gründung des Vereins alle Einwohner von Stadt und Oberamt Crailsheim aufgerufen, dem Verein, sei es als Geschenk, sei es als Leihgabe, zur gelegentlichen Ausstellung geeignete Stücke zu überlassen. Der Erfolg dieses und der folgenden Aufrufe war durchaus beachtlich. Bei der ersten Hauptversammlung des Vereins im Dezember 1920 konnten bereits die ersten privaten Stiftungen präsentiert werden. Es handelte sich um eine Reihe von alten Dokumenten („Patenbriefe“, Meisterbrief, Quartierzettel etc.), die Kaufmann Hugo Blum an den Verein gegeben hatte, um Münzen, die Wilhelm Fach beisteuerte, um einen Waffenfund von der Schönebürg, der von Herrn Vorholzer kam, und um den Horlandplan von Regierungsrat Graf. Dieser erste Crailsheimer Stadtplan war auch das inhaltliche Hauptthema des Abends. Teilweise mehrfach wöchentlich wurde in den kommenden Monaten in der Presse von Stiftungen und Geschenken an den Altertums- und Heimatverein berichtet: Historische Urkunden und Manuskripte, Münzen, Waffen, Karten und Drucke kamen so in den Besitz des Vereins.

Die Flut der Gaben nahm ein derartiges Ausmaß an, dass bereits Mitte Januar ein „Ersuchen“ in den Fränkischen Grenzboten eingestellt werden musste, nicht etwa jedes „alte Buch“ für geeignet zu Museumszwecken zu halten und oft wertloseste Dinge von mächtigem Umfang in gutem Glauben herbeizuschaffen.

Weitere Altertümer, darunter erste Fayencen, der prunkvolle Homannsche Weltatlas von 1711 oder Versteinerungen aus dem Muschelkalksteinbruch bei der Gaismühle, wurden angekauft.

Auch von Seiten der Stadt erhielt der Verein leihweise in größerem Umfang Altertumsgegenstände, vor allem aus dem Besitz des früheren Spitals. Zusätzlich wurde ihm im März 1921 unentgeltlich ein Zimmer im Rathaus überlassen, um dort die gestifteten Exponate unterbringen zu können. Es handelte sich um ein hohes Zimmer im ersten Stock des Rathausturms, in dem zuvor das Stadtbauamt seine Büros gehabt hatte.

In diesem Raum ordnete Vereinsvorstand Dekan Hummel in den kommenden Monaten das bisher Beigebrachte und richtete das Zimmer als Präsentationsraum der Sammlung ein. Am 21. Juli 1922 war der Ge meinderat erstmals zur Besichtigung des „Altertums- und Heimatmuseums Crailsheim“ eingeladen. Es war dies der erste Museumsraum in Crailsheim überhaupt, und er mar kiert damit den Anfangspunkt der Geschichte des Crailsheimer Museums.

Was in diesem Museumsraum gezeigt wurde, wie viele Besucher er anlockte, wissen wir nicht. Es existieren keine Unterlagen darüber – und wie der Altertums- und Heimatverein ver sank auch das erste Crailsheimer Museum von 1921 bis 1927/29 in einen Dornröschenschlaf. Die Hauptaktivität des Vereins nach seiner Wiederbelebung Ende der 1920er-Jahre blieb das Heimatmuseum. Nachdem das bisherige Museumszimmer 1927 wegen eines Abortumbaus im Rathaus hatte geräumt werden müssen, waren dem Verein für seine Sammlung von der Stadt drei Räume im Erdgeschoss des vorderen Spitalgebäudes zur Verfügung gestellt worden. Ende 1928 wurde der Museumsbereich um zwei zusätzliche Räume erweitert.

Allerdings musste die Sammlung dort erst wieder eingeräumt und die Präsentation der Exponate entsprechend vorbereitet werden. Es war eine der erstenAufgaben des wieder belebten Altertums- und Heimatvereins, für eine schnelle Eröffnung der neuen Museumsräume zu sorgen. Am 22. Dez. 1929 war es soweit: In Anwesenheit des Gemeinderates wurde die Museumssammlung der Öffentlichkeit erstmals im neuen Domizil vorgestellt.

Die Zugangsmöglichkeiten und die Betreuung des Museumsbestandes wurden nun sehr viel professioneller organisiert, als dies beim Museumszimmer im Rathaus der Fall war. Es gab erstmals geregelte Öffnungszeiten, und eine eigene Museumswärterin, Frau Krauter, wurde angestellt. Auch Anreize zum Besuch des Museums – wie zum Vereinsbeitritt – wurden geschaffen: So durften Schulklassen aus Gemeinden, die dem Verein beigetreten waren, das Museum im Rahmen des heimatgeschichtlichen Unterrichts kostenfrei besuchen.

Der Ausbau der Sammlung bildete einen weiteren Schwerpunkt der Vereinsarbeit in diesen Jahren: Spektakulärstes Projekt in diesem Zusammenhang war 1928 der Ankauf von über 100 Crailsheimer Fayencen von dem Händler Paul Heiland in Potsdam. Um den Kaufpreis von 2 000 Reichsmark aufbringen zu können, organisierten Stadtschultheiß Fröhlich und Vereinsvorstand Hummel in Crailsheim eine Spendenaktion, deren Sammellisten noch heute im Stadtarchiv vorliegen. Die Bemühungen waren tatsächlich von Erfolg gekrönt: Nach ihrer vertraglich zugesicherten Präsentation in der großen Ansbacher Fayence-Ausstellung von 1928 kamen die Exponate nach Crailsheim und bilden den Grundstock der heutigen Fayence-Abteilung im Stadtmuseum.

Vereinsausfahrten

In den frühen 1930er-Jahren taucht in der Chronik des Altertums- und Heimatvereins Crailsheim eine neue Veranstaltungsform auf. 1931 und 1932 führte der Verein erstmals Ausfahrten zu für die Crailsheimer Stadtgeschichte relevanten Orten durch. Sie führten einmal nach Gnadental, zum anderen nach Ansbach.

Im Mittelpunkt der Exkursion nach Gnadental stand natürlich das Grab der Gräfin Adelheid, der angeblichen „Wohltäterin“ Crailsheims, deren Gedenktag eine der Wurzeln des Stadtfeiertags darstellt. Bei der Hauptversammlung für das Jahr 1930, die aus terminlichen Gründen in den Januar 1931 gelegt worden war, hatte Dekan i.R. Hummel bereits angeregt, ob nicht der im früheren Kloster Gnadental befindliche Grabstein der Gräfin Adelheid für Crailsheim erworben werden möge. Diese Initiative blieb (erwartungsgemäß) ohne Erfolg.

Die zweite Exkursion am 19. Juni 1932 war vor allem von Hans Sachs organisiert worden. Mehr als 200 Teilnehmer fuhren gemeinsam mit der Bahn nach Ansbach, der früheren Haupt- und Residenzstadt des fränkischen Markgraftums Brandenburg-Ansbach, von der aus über annähernd 400 Jahre auch die Geschicke Crailsheims mitbestimmt worden waren.

V. Der Crailsheimer Altertums- und Heimatverein im „Dritten Reich“

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 ergab sich für den Crailsheimer Altertums- und Heimatverein zunächst keine Änderung in der inneren und äußeren Vereinstätigkeit. Im Gegensatz zu anderen Vereinen unterblieb vorerst ein Akt der Gleichschaltung von außen. Er war auch nicht nötig, denn der Verein fand sich problemlos auf dem Boden des „neuen Deutschland“ wieder. Man erwartete sich durch die neue Staatsführung eine Aufwertung des Heimatgedankens und so gab Vereinsvorsitzender Friedrich Hummel bei der Hauptversammlung im Februar 1934 der […] Hoffnung Ausdruck, dass der heutige Staat und die Partei auch auf dem Gebiet der Heimatkunde die Führung übernehmen werden.

Um die Einbindung in den nationalsozialistischen Staat zu dokumentieren, wurden im Februar 1934 drei führende Crailsheimer NS-Vertreter in den Vereinsausschuss zugewählt: zum einen Ortsgruppenleiter Eugen Kübler, dann der lokale Organisationsleiter der NSDAP, Robert Engelhardt, und schließlich der Organisationsleiter des „Kampfbundes für Deutsche Kultur“, Studienasses sor Baur.

Erst im November 1935 erfolgte im Verein eine Satzungsrevision, die den geänderten Bedingungen im „Dritten Reich“ auch formal Rechnung trug: Die neuen Statuten sollten der Herstellung einer engeren Beziehung mit der Partei dienen, wovon sich die Verantwortlichen eine stärkere Unterstützung der Belange des Vereins versprachen. Eingeführt wurden mit der neuen Satzung offiziell das „Führerprinzip“ – der erste Vorstand Friedrich Hummel führte jetzt den Titel Vereinsführer – und der sogenannte Arierparagraph, nach dem nur Personen arischer Abstammung Mitglieder des Vereins werden konnten.

Der einzige jüdische Crailsheimer, der seit der Vereinsgründung 1920 im Ausschuss gesessen war, David Stein, war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr aktiv. Vermutlich war er wie andere jüdische Mitglieder kurz nach der sog. „Machtergreifung“ 1933 aus dem Verein gedrängt worden. Stein, der zahlreiche wertvolle Gegenstände in die Museumssammlung gestiftet hatte, starb übrigens am 26. Sept. 1942 an den Erschießungsgruben des Vernichtungslagers Maly Trostinec in Weißrussland.

Mit der neuen Satzung wurde auch eine striktere Aufgabenverteilung im Verein durchgeführt. Es wurden sieben Abteilungen ins Leben gerufen, die die bisherige Vereinstätigkeit noch einmal ausweiteten. Es waren dies: – Heimatgeschichte (Verantwortlich: Isidor Fischer) – Bau- und Kunstdenkmäler (Wilhelm Frank) – Volkstum (Rektor Karl Döttinger) – Boden und Landschaft (Apotheker Robert Blezinger) – Pflanzen- und Tierwelt (Studien-Assessor Baur) – Schrifttum (Pfarrer Georg Lenckner) und – Heimatmuseum (Hauptlehrer Emil Beck) Der Verein trug künftig den Namen „Heimatverein Crailsheim“.

Auch in den äußeren Beziehungen ergab sich Mitte der 1930er-Jahre eine nicht unwesentliche Änderung: In der Hauptversammlung vom 25. Nov. 1934 wurde der Beitritt zum Historischen Verein für Württembergisch Franken beschlossen. Die Entscheidung war bis zuletzt umstritten. Man hatte bisher aus finanziellen Gründen von dem Anschluss an einen größeren Verband […] Abstand genommen. Und etwa Friedrich Fröhlich hätte es lieber gesehen, wenn statt des Beitritts zum Historischen Verein für Württembergisch Franken unsere Einwohner unseren eigenen Verein mehr noch als seither durch ihre Mitgliedschaft unterstützen würden. Es gab jedoch eine starke Gruppe um Isidor Fischer, die den Beitritt letztlich mit Erfolg betrieb. Hauptsorgenkind des Vereins blieb das Heimatmuseum, dessen Unterbringung in den Räumen des vorderen Spitals als unzulänglich betrachtet wurde. Hinzu kam, dass der Verein bei der Nutzung der ohnehin beengten Räumlichkeiten mit den Ansprüchen der Hitlerjugend konkurrieren musste. Die Situation führte sogar zu Reibereien zwischen verschiedenen NS-Dienststellen. Im Dezember 1935 sandte das NS-Gaukulturamt in Stuttgart einen deutlichen Brief an die NSDAP-Kreisleitung in Crailsheim:

Die Museumsverhältnisse in Crailsheim sind untragbar. Dazu höre ich, dass auch die noch verbleibenden Räume von der HJ beansprucht werden. Es ist dies absolut ein unmögliches Ding. Ich bitte den Herrn Kreisleiter um Vorschläge, wie das Crailsheimer Museum untergebracht werden kann. Sollte sich keine andere Möglichkeit ergeben, so darf an die bisherigen Räume nicht gerührt werden. Entweder leistet sich eine Stadt ein Heimatmuseum und bringt dasselbe dann ordnungsmäßig unter oder aber sie verzichtet darauf. Im letzteren Fall würde ich empfehlen, dass die betreffenden Gegenstände einem anderen Museum zur Verfügung gestellt werden, das bereit ist, dieselben würdig zu behandeln. Der Fall Crailsheim ist der schlimmste Fall im ganzen Land und ich bitte den Herrn Kreisleiter, sich der Sache anzunehmen.

Geprüft wurde zeitweilig, die Museumssammlung im Freitagschen Haus am Schlossplatz unterzubringen. Dieses angeblich schönste Haus Crailsheims war zu diesem Zeitpunkt in einem schlechten baulichen Zustand und seine Sanierung war unerlässlich. Die Idee, die Restaurierung des Gebäudes mit einer zukünftigen Nutzung als Museum zu verknüpfen, wurde aus Kostengründen aber schnell fallen gelassen.

Verantwortlich für die Museumssammlung war seit März 1937 übrigens Wilhelm Frank. Sein offizieller Titel lautete Verwalter des Heimatmuseums.

Der Verein begleitete in diesen Jahren auch die archäologischen Ausgrabungen in der Umgebung Crailsheims, so im Weilersholz bei Triensbach, auf dem Burgberg, wo die Vereinsmitglieder 1935 die Gelegenheit hatten, die Grabarbeiten zu besichtigten, und am Schlossbuck in Oberspeltach.

Eine besondere „Aufgabe“ stellte sich den Vereinsverantwortlichen ab Anfang 1939. Nach der Reichspogromnacht im November des Vorjahres verließen viele Crailsheimer jüdische Familien Deutschland und versuchten wenigstens ihr Leben vor der zunehmenden Repression des NS-Staates in Sicherheit zu bringen.

In dieser Situation versuchte der Verein, Altertumsgegenstände aus jüdischem Besitz für seine Sammlung zu sichern. Vor allem handelte es sich um Objekte aus Zinn, die der Verein in großem Stil den jüdischen Familien abkaufte – insgesamt deutlich über 150 Gegenstände allein aus diesem Material. Um den Großankauf für die Museumssammlung bewerkstelligen zu können, gewährte die Stadt dem Verein im Mai 1939 einen zinsfreien Vorschuss von 700 RM, der im Juli 1940 noch einmal um 400 RM aufgestockt wurde. Inwieweit die gezahlten Preise dem tatsächlichen Wert der Objekte entsprachen, bleibt noch zu prüfen.

Der Verein scheute aber auch nicht davor zurück, sich an den Versteigerungen jüdischen Besitzes in Crailsheim zu beteiligen, nachdem die rechtmäßigen Besitzer deportiert worden waren: Er erwarb auf diesem Wege beispielsweise im Februar 1942 eine Rokoko-Kommode aus dem Besitz von Louis Mezger aus der Gartenstraße, der im Dezember 1941 nach Riga deportiert worden war und im Dezember 1944 im Lager Kaufering den Tod fand.

In den Jahren des Zweiten Weltkrieges lässt sich in den Versammlungen des Vereins eine auffällige verbale Radikalisierung und Militarisierung feststellen. Der Heimatverein ordnete sich nahtlos ein in die „Heimatfront“ und sah seine Aufgabe vor allem in der Ausgabe von Durchhalteparolen. In der Mitgliederversammlung vom Januar 1943 stößt man beispielsweise auf die Propagandafloskeln vom gigantischen Schicksalskampf oder die Verherrlichung unserer tapferen Soldaten, die als die tüchtigsten Heimatpfleger unserer Zeit gepriesen wurden. Weiter heißt es dort: Ohne ihren heldenmütigen Einsatz, ohne ihre Entbehrungen, ohne ihre mit Blut und Leben erfochtenen unvergleichlichen Siege, wäre es uns heute nicht möglich, auf heimatlichem Boden das Werk für die Heimat zu heben und zu fördern. Wenn uns die heiß geliebte Heimat geblieben ist, so danken wir dies vor allem auch einem Feldherrn, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, aber den wir erleben dürfen, Adolf Hitler.

Die Mitgliederversammlung fand statt in den letzten Tagen des Endkampfes der 6. Armee in Stalingrad.

Im September 1942 wurde der Verein Mitglied des NS-Volkskulturwerks. Sein zentrales Anliegen sollte nun nicht mehr die Erforschung und Sicherung des kulturellen Erbes Crailsheims sein, sondern die Hauptaufgabe [liegt] künftig im kulturellen Einsatz für die NSDAP, ihre Gliederungen und Verbände. Schon vor dem eigentlichen Ende des Vereins stellte dies einen bemerkenswerten Akt der Selbstaufgabe dar.

Das letzte Lebenszeichen des Crailsheimer Altertums- und Heimatvereins datiert vom 17. Jan. 1943. Es handelte sich um die oben schon zitierte Mitgliederversammlung. Danach beendete der Heimatverein Crailsheim seine Tätigkeit.

Nachspiel

Am 29. Mai 1952 stellte die Innenrevision der Kreissparkasse Crailsheim fest, dass das alte Konto des Vereins noch ein Guthaben von 56,29 DM aufwies. Der Heimatverein Crailsheim wurde offiziell nie aufgelöst, so dass dieses Geld an den 1983 gegründeten Crailsheimer Historischen Verein als dem, wenn auch nicht rechtlichen, so doch ideellen Nachfolger ausbezahlt wurde.