Crailsheimer
Historischer Verein e. V.

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Die Stadtentwicklung Crailsheims im Alten Reich im Überblick

Wenn man sich mit der Geschichte eines Ortes beschäftigt, mag man zwar zunächst von dessen Erscheinungsbild als Stein gewordenes Denkmal ausgehen, fragt aber doch spätestens im Zusammenhang mit den Gebäuden auch nach der Bevölkerung, die diese errichtet und bewohnt hat. Dabei kann bereits die Zahl und Größe der Gebäude, die Ausdehnung der Siedlung, auch die Größe der Kirche(n) einen ersten Anhalt geben: Den Bau der heutigen Johanneskirche ab 1398 z.B. verbindet die Stadtarchäologie mit einer Erweiterung der Stadt um etwa die Hälfte der Fläche, die dann bis ins 18. Jahrhundert bis auf kleine Vorstädte ausreichte. Demnach aber hätte sich Crailsheim gleich, nachdem es 1338 das Stadtrecht formal erhalten hatte, rasant entwickelt, obwohl gerade in diese Phase die Pest von 1348/49 und die Schuldenkrise der Hohenlohe fielen, was für Crailsheim, etwa mit der „Belagerung 1379/80“, eine höchst unsichere Lage mit sich brachte. Wenn daher das älteste Gültbuch der Hohenlohe von ca. 1357 für Crailsheim nur 44 Personen nennt, die den Hohenlohe als Stadtherren Zins für ihre Häuser zahlen, ist man versucht, diese niedrige Zahl als Folge eines erheblichen Bevölkerungsschwundes durch die Pest zu erklären. Dann müssten außerdem zahlreiche Häuser öd gestanden haben und erst in der Folge aus dem Umland neu besetzt worden sein, als dort die Agrarkrise die Landwirtschaft unrentabel machte. Immerhin kann auch die geringe Anzahl von 44 Häusern, wozu noch vier Mühlen zu rechnen sind, durchaus für eine Stadt als hinreichend angesehen werden, wenn etwa 1497 das gerade erst zur Stadt gewordene Merkendorf lediglich 69 Haushalte mit insgesamt 176 Einwohnern über 14 Jahren aufweist. Denn Häuser sind nicht mit Haushalten gleichzusetzen, lebten doch auch damals schon manche Hausgenossen und vor allem Knechte und Mägde mit in den Häusern der Bürger.

Daher bedeuten die 126 Steuerpflichtigen und drei Müller, sowie drei adlige Freihäuser, die 1434 aufgeführt werden, als die neuen Stadtherren, die Markgrafen von Ansbach, ihre Abgaben und Zinsen aus der Stadt Crailsheim notieren, keineswegs eine Verdreifachung der Crailsheimer Bevölkerung gegenüber 1357, sondern bestenfalls eben eine Verdoppelung. Denn wie viele dieser Personen Häuser oder auch nur das Crailsheimer Bürgerrecht besaßen, ist nicht festzustellen, da es sich um die verschiedensten Arten von Abgaben handelt, oft nur für einzelne Flurstücke. Vollends wird der Schluss auf die Einwohnerschaft und Größe Crailsheims fragwürdig, wenn man die nächste Auflistung im Lagerbuch von 153210 betrachtet, die einerseits lediglich 58 Häuser (+ 3 Mühlen und 3 Freihäuser), andererseits 293 Familienvorstände nennt, d. h. mit der Zahl der Häuser erstaunlich nahe der Zahl von 1357 kommt, mit der Zahl der Familien dagegen eine weitere Verdoppelung gegenüber 1434 suggeriert.

Diese letztere Zahl kommt dabei schon recht nahe an die Zahlen des 18. Jahrhunderts, wo 1732 die Vettersche Oberamtsbeschreibung in 307 bürgerlichen Häusern 366 „Mannschaften“ zählt, von denen 38 Hausgenossen mit Bürgerrecht und 21 „Pfahlbürger“ ohne Bürgerrecht sind11. Mit aller Vorsicht könnte man also den Stadtplan von 173812, der diesen Zustand festhält, auf das 16. Jahrhundert zurückschreiben, müsste freilich erklären, warum 1532 bei etwa gleicher Bevölkerungszahl nur etwa ein Sechstel an Häusern gezählt wurde. Offenbar zahlten nicht alle Häuser dem Stadtherrn Zins, waren also z.T. freies Eigentum, so dass aus der Zahl von 1357 kein Schluss auf die damalige Bevölkerung möglich ist. Jedenfalls wurden bei jedem Steuerkataster andere „Recheneinheiten“ zugrunde gelegt: einmal die Hauszinsen, dann die Steuerpflichtigen, schließlich die Haushaltsvorstände, wie wenn man heute aus der Liste der Lohnsteuer einerseits, der Grundsteuer andererseits oder der Vermögenssteuer zum Dritten zu unterschiedlichen Zeiten die jeweilige Bevölkerungszahl der Stadt erschließen wollte.

Immerhin lassen sich zwischen 1532 und 1732 die durch den Dreißigjährigen Krieg verursachten Bevölkerungsschwankungen in Crailsheim recht gut durch die Erbhuldigungen beobachten.

Demnach stieg die Bevölkerung Crailsheims ständig bis zum Dreißigjährigen Krieg, um dann erst 1723 wieder den Vorkriegsstand zu erreichen und das Wachs tum bis ins 19. Jahrhundert fortzusetzen, in welchem die Stadtmauer als Stadtgrenze erst endgültig aufgegeben werden musste. Nicht aufgenommen sind in diese Listen die Juden, die nur in den Erbhuldigungen ausgewiesen werden, und die Adligen, die nur 1603 mit acht Personen aufgeführt werden. Vollends fehlen Kinder, Frauen und Ehalten, d. h. „Angestellte“, da sie als Nichtbürger keinen Eid zu leisten hatten (nur Witwen waren dazu verpflichtet), und keinen Grundbesitz hatten, für den sie Zins hätten zahlen müssen. Insofern stellt es einen einmaligen Glücksfall dar, dass für 1497 eine Steuerliste vorliegt, die an der Kopfzahl orientiert ist, also auch Frauen und Kinder, ja sogar Angestellte und Gesinde aufführt. Anlass für diese Liste ist die Reichssteuer, die 1495 unter anderem zur Errichtung des damals beschlossenen Reichskammergerichtes als zentraler oberster Gerichtsinstanz eingeführt wurde. Als Kopfsteuer in Höhe von 10,5 d wurde sie von allen Reichsbewohnern ab 15 Jahren erhoben, wobei Reiche mit Vermögen über 500 fl oder 1000 fl noch eine zusätzliche Leistung von ½ bzw. 1 fl zu zahlen hatten, ebenso Juden pro Kopf 1 fl, wobei sie aber untereinander einen Ausgleich vornehmen durften. Jede Herrschaft zog von ihren Untertanen diese Steuer ein, wozu im Mark graftum die Amtmänner und Kastner zusammen mit zwei Ortsvertretern die Listen anlegten, und lieferte sie in Frankfurt ab.

Die Bevölkerung Crailsheims 1497

Erstmals werden hier also alle Einwohner über 14 Jahren gezählt, wobei man sogar davon ausgehen kann, dass die Liste wie in Nürnberg in einer topographischen Folge angelegt wurde, indem die Ersteller Haus für Haus „abklapperten“. Wüsste man also, wo die Liste gestartet und beendet wurde, könnte man die betreffenden Haushalte sogar einzelnen Häusern und Straßen zuordnen. Dass dies tatsächlich anzunehmen ist, lässt sich in der Crailsheimer Liste daran ablesen, dass öfters mehrere Häuser ohne Ehalten aufeinander folgen, also arme Wohngegenden darstellen, während sich die Reichen mit Vermögen über 500 fl auf zwei bis drei Straßenabschnitte konzentrieren, also ebenfalls bestimmte Wohngegenden bevorzugten. Allerdings fehlen auch in dieser Liste alle Kinder unter 15 Jahren, was vermutlich immerhin ⅓ der Bevölkerung ausmacht. Ferner werden Geistliche vom jeweiligen Bischof besteuert, ihre Maiden (Haushälterinnen) und ihr Personal jedoch vom Ortsherrn, was eine gewisse Verwirrung schafft. Schließlich sind für die Bewohner der drei Crailsheimer Freihöfe die jeweiligen Adligen verantwortlich, so dass sie in dieser Liste völlig fehlen, und selbst das Gefolge des adligen Amtman nes unterliegt nicht der Steuerhoheit des Landesherrn, sondern der des Amtman nes selbst, damals Gottfried von Hohenlohe. In seinem Fall zahlen lediglich die Frauen dieser fünf Gefolgsleute die Steuer in Crailsheim, die Zahl der Kinder ist dabei ungenannt. Nicht genannt sind auch die Juden, sei es, weil es damals keine in Crailsheim gab, oder weil sie zentral vom Reich oder dem Markgrafen besteuert wurden. Schließlich unterschlägt das Register ausdrücklich die Zahl der Insassen im Feldsiechenheim, weil diese Leprosen wie Tote steuerfrei waren. Demnach bleibt auch bei diesem Register eine gewisse Unsicherheit bezüglich absoluter Zahlen bestehen, dennoch erlaubt es eine viel differenziertere Betrachtung der damaligen Crailsheimer Bevölkerung als die anderen Listen und sogar einige Beobachtungen zur sozialen Schichtung.

In 220 Bürgerhäusern werden damals 660 Personen gezählt. Nach der Zählung Vetters wären das mindestens 220 bürgerliche Haushalte oder mit den Hausgenossen 238 bis 254 „Mannschaften“. Statistisch bedeutet das ca. 2,6 Personen pro Haushalt und etwa 1 Hausgenossenhaushalt auf 6 Häuser. Damit unterscheidet sich Crailsheim einerseits markant von Großstädten wie Köln und Regensburg, wo 4 bzw. 7,5 Hausgenossen je Haus leben, ist allerdings nicht wesentlich von Nürnberg verschieden, wo damals in der Altstadt zwar 3,6 Personen im Haushalt leben, in den ärmeren Vorstädten aber nur 3. Jedenfalls liegt es deutlich vor der Ackerbürgerstadt Merkendorf, wo es überhaupt keine Hausgenossen gibt und nur jeder 7. Einwohner Dienstbote war. Gerade bei den Dienstboten kommt Crailsheim mit ca. 20% Anteil an der Gesamtbevölkerung sogar den Großstädten sehr nahe, wenn sie damals in Freiburg 23,6% der Bevölkerung ausmachen und 1449 in Nürnberg 18,6%. Da eben an dieser Prozentzahl die Bedeutung einer Stadt abgelesen werden kann, erweist sich Crailsheim damals tatsächlich als Ort mit wesentlicher Zentralfunktion, der sich vollkommen von einer Ackerbürgerstadt wie Merkendorf unterscheidet und eher Nürnberger Verhältnisse zeigt. Ablesbar wird das auch in der Verteilung der Haushaltsgrößen, wenn man sie mit Merkendorf und Nürnberg vergleicht.

Versucht man nun eine Gesamteinwohnerzahl Crailsheims 1497 zu erschließen, kann man u.U. die Kinder unter 15 Jahren, ausgehend von 660 Personen, als ein weiteres Drittel mit 330 ansetzen. Zu diesen 990 Personen kommen nach Register noch die 56 Insassen des Spitals, die Pfarrer mit ihren Ehalten gleich 18 Personen, die 5 Ehepaare im Haushalt des Amtmannes, die ungenannten Insassen des Feldsiechenhauses und der drei adligen Freihöfe, wahrscheinlich auch noch die des Anhäuser Klosterhofes, also sicher weitere 100 bis 120 Personen.

Familienstruktur

Bei diesen ca. 1100 Einwohnern lassen sich aufgrund des Registers einige überraschende Beobachtungen machen: Die angebliche Großfamilie des Mittelalters und der frühen Neuzeit hat es demnach nie gegeben: Nur 3 Väter und 7 „Schwieher“ (Schwiegerväter) leben im Haushalt des Sohnes oder der Tochter, also in ca. 4% der Haushalte; nur eine allein stehende Frau und ein allein stehender Mann leben jeweils mit ihrer Schwester zusammen und ein allein stehender Mann mit der Tochter, je ein Ehepaar hat ein oder zwei Geschwister im Haus. 6,8% der Haushalte reichen also über die Kernfamilie hinaus, in Merkendorf dagegen 10%, im Amt Merkendorf 8%. Demgegenüber wohnen eher fremde Mieter im Haus, die zum Teil ihrerseits relativ große Familien haben: Auf die 18 zur Miete wohnenden Hausgenossenpaare kommen immerhin 8 Kinder über 15 Jahren und wohl entsprechend viele Kinder unter 15, während bei den Hausbesitzern nur 44 Kinder über 15 Jahren auf 220 Haushalte kommen. Dies mag damit zusammenhängen, dass eher junge Familien zur Miete wohnen, da sie sich noch kein eigenes Haus leisten können. Hier sind auch am ehesten Taglöhner und Gesellen zu vermuten, die ihre Kinder nicht ohne weiteres in die Lehre schicken konnten, sondern ebenfalls gegen Taglohn arbeiten ließen. Andererseits zeigt schon der Steueransatz mit Personen ab 15 Jahren, dass damals der Eintritt ins Erwachsenenleben, d. h. in die außerhäusliche Arbeitswelt, erheblich früher als heute erfolgte: Wie später mit der Konfirmation in der Regel der Schulabschluss und der Beginn der Lehre bei 14 Jahren lag, so verließ auch damals der Sohn mit 14 Jahren die Familie, um in fremdem Haushalt die Lehre zu beginnen. So können wir unter den zahlreichen Ehalten (Dienstboten, Gesinde) neben den im Haushalt lebenden Kindern einen guten Teil der anderen Crailsheimer Kinder über 15 Jahren vermuten, die in einem fremden Handwerksbetrieb ihre Lehre absolvierten. Mädchen gingen damals ebenso meist in fremde Dienste und überbrückten als Mägde oder Dienstboten die Zeit bis zur Heirat. Jedenfalls dürfen wir unter den Ehalten eine relativ junge Bevölkerung zwischen 15 und 25 Jahren vermuten, die danach entweder einen eigenen Hausstand oder als Hausgenossen wenigstens eine Familie gründete.

Der Einschnitt bei 15 Jahren wird auch dadurch deutlich, dass das Register nur einen einzigen fremden Schüler über 15 Jahren notiert. Offenbar waren die anderen Schüler entweder in Crailsheim selbst zuhause oder – und wahrscheinlicher – mit 15 Jahren bereits aus der Crailsheimer Schule entlassen, da diese keine weiteren Qualifikationen vermitteln konnte. Dann müssen wir freilich zu unserer ermittelten Einwohnerzahl noch eine unbekannte Zahl auswärtiger Schüler der Lateinschule ansetzen, die zwar in den Crailsheimer Familien als Kostgänger untergebracht waren, aber in der Liste nicht als Steuerzahler erfasst wurden.

Berufsstruktur

Die Liste der Ehalten ist im Register noch genauer differenziert in Knechte, Mägde, Gesinde und eigentliche Ehalten. Nach heutigem Verständnis würde man Mägde und Knechte (= Gesinde) bäuerlichen Haushalten zuordnen, Ehalten (Dienstboten) eher den städtischen. Nun laufen aber gerade Handwerksgesellen bis ins 16. Jahrhundert unter dem Begriff „Knecht“, so dass erst untersucht werden muss, was in unserer Liste damit denn jeweils gemeint ist: Interessanterweise haben alle drei Müller Ehalten, aber keine Knechte als Mitarbeiter, ebenso die beiden Bader Hans Kammerer und Andres Bader, auch der „Patrizier“ Heinz Völker, während ausgerechnet der Stadtschreiber einen Knecht hat, ebenso der Lautenmacher. Wenn Burkhard Smid wirklich Schmied ist, passen zu ihm die beiden genannten Knechte als Gesellen, ebenso wohl auch zum Stadtrat Kaspar Hirsing 1 Knecht und 1 Magd, während Appell Ochs mit „3 Hausgesind“ möglicherweise eine Wirtschaft betreibt. Demnach sind „Knechte“ wohl eher Handwerksgesellen und erhalten in der Regel doppelt so viel Lohn wie Mägde, während „Gesinde“ und „Ehalten“ unqualifiziertes Personal bezeichnet, das vielfach eben Dienstleistungen wie im Badhaus verrichtet. Wendet man diese Definition auf Crailsheim an, so erweisen sich die 21 Haushalte mit Knechten als Handwerksbetriebe, wobei nur 5 von ihnen auch eine Magd haben. 19 Haushalte haben nur eine Magd, was möglicherweise auf landwirtschaftlichen Betrieb schließen lässt. Ein Haushalt hat freilich gleich vier Mägde, woraus ich auf einen Badbetrieb schließe, obwohl der ausdrücklich als Bader genannte Betrieb 3 Ehalten hat und ein anderer, der Bader heißt, sogar 5 Ehalten, also seine „Angestellten“ unter anderer Kategorie laufen lässt. Zwei Häuser haben je drei „Hausgesinde“, was möglicherweise größere Wirtschaften mit Brauerei bezeichnet. Dagegen weisen die 36 Haushalte mit „Ehalten“ entweder auf Lehrlinge im Gegensatz zu den voll ausgebildeten „Knechten“, oder auf weitere Wirtschaften, Krämer und Patrizier. Bestätigt wird diese Vermutung wohl auch dadurch, dass nur 2 Haushalte mit einem einzigen Ehalten auskommen, was ja bei Knechten oder Mägden die Regel ist, dagegen 17 zwei, 11 drei und je einer sogar vier und fünf haben. Hierher gehören wohl auch die Betriebe, die neben Knecht oder Magd noch einen Ehalten haben.

Erstaunlicherweise bleiben aber 99 Häuser, d. h. fast genau die Hälfte aller Häuser, ohne jeden fremden Mitbewohner, was doch nur heißen kann, dass der normale Crailsheimer Betrieb reiner Familienbetrieb war, eine Beobachtung, die für das 18. Jahrhundert als Hinweis auf relativ schwache Sozialstellung des Handwerks gedeutet wird. Bedauerlicherweise lassen sich aber aus dem Steuerregister die Berufe in Crailsheim nicht erkennen, sondern erst 1738 nahezu komplett nachweisen. Lediglich die drei Müller, ein Bader und der Stadtschreiber werden mit ihrem Beruf ausdrücklich erwähnt, bei einigen anderen scheinen die Familiennamen noch wie im 14. Jahrhundert auch den Beruf zu kennzeichnen, ohne aber entsprechende Sicherheit zu geben: In den Namen „Burkhard Smid“ und „Lautenmacher“ haben wir schon oben die Berufsbezeichnung vermutet, ebenso gibt es einen vornamenlosen „Schlosser“ und einen „Schmid von Schonbach“, während Martin Wismüller gerade nicht der Wismüller bei Ingersheim ist, sondern nur nach dieser Mühle benannt ist.

Immerhin können die Familiennamen mit Berufsbezeichnungen durchaus noch diesen Beruf kennzeichnen, folgte doch vielfach der Sohn dem Vater im Handwerk nach. Mindestens spiegeln die Namen eine gewisse Berufsvielfalt, wie sie für eine Stadt wie Crailsheim durchaus zu erwarten ist. In alphabetischer Reihenfolge lassen sich damit folgende Namen aus der Liste nach Gewerbe bzw. Landwirtschaft ordnen:

Gewerbe: Artzt, 5 Bader, Belsner (von „Pelz“ = Kürschner), Brunner, 2 Butner (= Büttner), Danzer (Spielmann), Deckmacher (Hersteller von Decken, Matten), Drechsel, Gentner (Küfer), Glaser, Goldschmid, Häfelein, 2 Hefner, Herolt, Keßler, Koneisen, Cramer, Lautenmacher, Moler, 3 Müller, 2 Sattler, Schedler (Kübler, der kleinere Holzgefäße, sog. „schedel“, herstellt), 2 Schlosser, 4 S(ch)mid, 4 Schneider, Schreiner, 2 Schurger, Schuster, Swertfeger, Seiler, Singer, 2 Wagen, Weinlein (Wirt),Windenmacher, Ziegelhofer.

Landwirtschaft: Baumann, Visch, 2 Vischer, 2 Hoffmann, Hubner, Keller, Mayr, Brobst, 2 Reuter (von „roden“), Rosler, Schulheiß. Nehmen wir die Hinweise aus dem Urbar von 1434 wahr, das im Crailsheimer Rathaus 8 Fleischbänke und 8 Brotbäcker, sowie 5 Gewandschneider angibt, außerdem 5 Kramläden, 4 Gerber und 20 Schuster nennt, so erweist sich diese Namenliste allerdings als wenig hilfreich. Ebenso lässt sich über die in Crailsheim lebenden Voll- oder Nebenerwerbslandwirte bis ins 19. Jahrhundert überhaupt nichts Eindeutiges sagen. Die 29 brandenburgischen und 5 Ellwanger Feldlehen, die 1532 für Crailsheim aufgeführt werden, und die diversen Gärten, besonders im Brühl, die die Herrschaft verpachtet, kennzeichnen jedenfalls keineswegs entsprechend viele Betriebe, zumal sie z.T. von „Fremden“ bebaut werden. Sie beweisen lediglich, dass ein Großteil der Crailsheimer Einwohner nicht allein vom Gewerbe lebte, sondern nebenbei noch mehr oder weniger Landwirtschaft betrieb, wofür auch mancher Dienstbote benötigt wurde.

Sozialstruktur

Dagegen erlaubt uns die Differenzierung nach Vermögen einen gewissen Einblick in die Sozialstruktur des damaligen Crailsheims, wenn auch die Differenzierung in nur drei Vermögenskategorien den Großteil der Bevölkerung unsortiert lässt. Immerhin erkennt man in den nicht eigens aufgeführten Insassen des Spitals noch eine vierte Gruppe, nämlich die der Armen, die offenbar im Gegensatz zu den Ehalten nicht besteuert wurden, jedenfalls nicht (mehr) als handlungsfähig angesehen werden. Es handelt sich dabei um 47 Pfründner und 2 „Narren“, wozu noch die Insassen des Feldsiechenhauses zu rechnen sind. Immerhin sind das schon fast 10% der Erwachsenen, wobei allerdings auch Kinder und Waisen im Spital leben mochten und die Pfründner sich z.T. eingekauft hatten, also letztlich von einer Art Verzinsung ihres Vermögens lebten. Umgekehrt wurden in Crailsheim außerhalb des Spitals auch noch die sog. „Hausarmen“ vom Reichalmosen und Gotteskasten regelmäßig unterstützt, wozu noch Sonderstiftungen einzelner Bürger zugunsten der Armen kamen. Die Insassen des Feldsiechenheimes durften vollends regelmäßig in der Stadt betteln, so dass wir mit einem Anteil der Armen von 10% an der Gesamtbevölkerung eher zu niedrig liegen. Denn unter den Hausgenossen und Ehalten müssen wir jedenfalls mit potentiell oder wirklich unterstützungsbedürftigen Menschen rechnen, konnten sie sich doch eben nicht ein eigenes Haus oder den Kauf des Bürgerrechts leisten. Für die Ehalten und Hausgenossen ist freilich zu vermuten, dass sie als junge Leute auf dies Ziel hinarbeiteten und sich später durchaus selbständig machen konnten. Wenn aber zum Erwerb des Bürgerrechts in Crailsheim für Auswärtige 100 fl Vermögen nachgewiesen werden mussten, so ist dies Vermögen gerade als Grenze zur Armut definiert. Handwerker mit diesem „Startkapital“ lebten jedenfalls stets hart am Existenzminimum, durften nicht krank werden oder vorzeitig sterben, um ihre Familie nicht ins Elend zu stürzen.

So ist also aus unserer Liste die Unter- und Mittelschicht nicht analysierbar, wohl aber die Oberschicht: 17 der 202 Bürger haben ein Vermögen über 500 fl und 7 über 1000 fl. Dabei fallen diese Haushalte keineswegs durch besondere Größe auf, ja mancher Superreiche lebt ganz allein oder nur mit seiner Frau im Haus (und einer unbekannten Zahl von Kindern unter 15 Jahren), lässt sich also keineswegs von Gesinde verwöhnen. Wohl aber konzentrieren sie sich nur an zwei bis drei Stellen der Liste, lebten also doch weitgehend in enger Nachbarschaft und bevorzugter Lage der Stadt. Zudem melden sie wie der Markgraf selbst eine ganze Menge bäuerlicher Untertanen zur Steuer, liefern also ähnlich den Adligen eigene Steuerlisten ab. Selbst Crailsheimer, deren Vermögen unter 500 fl veranlagt ist, können ein oder zwei bäuerliche Untertanen benennen, die ihnen Abgaben schuldig sind. Insgesamt sind auf diese Weise ca. 120 Bauernhöfe im Besitz von 20 Crailsheimern, d. h. Crailsheimer Bürger sind auf umliegenden Dörfern „Ganerben“, die „ihren“ Untertanen gegenüber die Niedergerichtsbarkeit ausüben und für die betreffenden Gemeinden das jeweilige Gemeinderecht regeln. Sie sind also die „Patrizier“ Crailsheims und beherrschen wie die Patrizier Halls oder Rothenburgs einen gewissen Umkreis um die Stadt.

Verstärkt wird dieser Einfluss Crailsheims aufs Umland noch durch die Untertanen der geistlichen Institutionen, allen voran des Spitals, an deren Verwaltung in der Regel neben den Geistlichen ein oder mehrere Vertreter der Bürgerschaft als Heiligen- oder Spitalpfleger beteiligt sind.

Aus dieser Liste ergeben sich weitere 91 Höfe, womit Crailsheim etwa genauso viele Bauernhöfe im Umland beherrscht, wie es selbst Häuser hat, in manchen Dörfern gar eine fast geschlossene Ortsherrschaft bildet. Hinzu kommt bei den geistlichen Institutionen noch deren Zehntrecht in zahlreichen Orten, ja, sie besitzen auch gelegentlich die Leibherrschaft, müssen also etwa bei Heiraten der Leibeigenen ihre Zustimmung geben. Insofern ist die Scheidung zwischen Stadt und Land keineswegs so groß, wie sie definitorisch suggeriert wird. So bestätigen z.B. 1457 die Stadträte zusammen mit dem Vogt die Auspfarrung Waldtanns aus Marktlustenau. Und umgekehrt steht Crailsheim den Umwohnern als Fluchtziel in Kriegszeiten zur Verfügung, weshalb die Umwohner auch beim Bau der Stadtmauer und bei deren Unterhalt fronen müssen.

Um einen Eindruck von der Streuung dieses Besitzes zu geben, schauen wir uns die betreffenden Orte an, wobei unterschieden wird zwischen kirchlichem und bürgerlichem Besitz.

Freilich steht Crailsheim damit in Konkurrenz zum Stadt- und Landesherrn, der in diesen Orten, auch wenn er selbst keinen Grundbesitz hat, die Landeshoheit und damit vor allem das Hochgericht beansprucht. Aber eben dies Hochgericht wird aus Mitgliedern des Crailsheimer Stadtrats, allerdings unter Vorsitz des markgräflichen Vogts, gebildet; d. h. genau die Bürger, die selbst in den betreffenden Dörfern als Grundherren begütert sind, sprechen auch über die Bauern dieser Ortschaften Recht, selbst wenn diese einer fremden Herrschaft gehören. Als Stadtrat werden sie daher auch in anderen Fragen zu Hilfe gerufen, etwa 1421 von Wegses und Mistlau im Streit um die gemeinsame „Hirtschaft“ oder 1483 zusammen mit Dinkelsbühler Bürgern in einem Streit mit Larrieden. 1436 leisten gar die Städte Paris und Brüssel Crailsheim Urfehde für ihre in Crailsheim gefangenen Mitbürger, d. h. Crailsheim hat, wohl im Auftrag eines (kaiserlichen) Landgerichts, in die Acht erklärte Bewohner dieser Städte gefangen gesetzt, um sie zum regulären Gerichtsverfahren zu zwingen. Selbst dem um wohnenden Adel stehen Crailsheimer Ratsherren als Schiedsrichter zur Verfügung, etwa 1488 als letzte Instanz unter Vorsitz von Heinz von Ellrichshausen zwischen den Vettern Wilhelm und Hans von Vellberg, oder 1545 als Schlichter zwischen Hieronymus und Wolf von Vellberg. Demnach war das Verhältnis zum Adel keineswegs gestört, lebten doch in den drei Freihöfen Adlige mitten in der Stadt oder zogen sich, meist im Alter, dorthin zurück. Der Stadtrat musste dazu seine Zustimmung geben, z.B. 1521 und wieder 1526 für Wilhelm von Vellberg. Aber auch die Stellung zu den Reichsstädten war keineswegs problematisch: 1449 schlichtet etwa Konrad Virnkorn als Vorsitzender einen Streit genau zwischen den drei Reichsstädten, die 1379/80 angeblich Crailsheim belagert hatten, und den Brüdern Wilhelm und Jörg von Vellberg wegen des Besitzes von zwei Leibeigenen und spricht wider unser Erwarten den Städten dies Eigentumsrecht zu. Dies dürfte wohl kaum daran gelegen haben, dass die Familie Virnkorn auch im Rothenburger Patriziat eine Rolle spielte, sondern Konrad verhalf als unparteiischer Vorsitzender der „besseren Seite“ zum Recht. Dabei störte gerade zu dieser Zeit erneut ein Markgrafenkrieg die Beziehungen zwischen Crailsheim und den Reichsstädten, berührte aber offenbar nicht die freundnachbarlichen Beziehungen der betreffenden Städte untereinander. Schließlich hatte ja auch die umstrittene Belagerung von 1379/80 keineswegs der Stadt selbst, sondern ihrem Stadtherrn gegolten, sollte genau genommen nur Druck wegen dessen Zahlungsverzug ausüben.

Beziehungen zum Stadtherrn

Dennoch unterliegen dieselben Crailsheimer Bürger ihrerseits der Herrschaft des Markgrafen, zahlen ihm 1532 für 58 Häuser Hauszins und für 35 Häuser Fasnachtshühner, die an sich als Hinweis auf Leibeigenschaft gelten und im Todesfall dem Leibherrn das Hauptrecht am Erbe lassen. Damals leben auch aus drücklich 4 leibeigene Frauen des Amtes Crailsheim und 4 leibeigene Frauen und 2 leibeigene Männer des Amtes Werdeck in Crailsheim. Letzteres dürften Ehaften sein, denn für das Bürgerrecht und damit Hauserwerb musste die Leibeigenschaft abgelegt werden. Entsprechend wurden immer wieder Anwärter auf das Bürgerrecht bzw. heiratswillige Frauen aus der Leibeigenschaft entlassen. Aber das Lagerbuch von 1532 erklärt zu den Fastnachtshühnern ausdrücklich, dass diese kein Hauptrecht bewirken, sondern lediglich „alte“ Fastnachtshühner sind und die Crailsheimer Bürger eben frei sind.

Alle Crailsheimer zahlen aber seit 1465 jährlich 200 fl Umgeld für Wein, Bier und Braugeld an die Herrschaft, der Rest geht in die Stadtkasse. Ferner mussten die Bürger 400 fl Stadtsteuer und 6 Weinfuhren leisten, ja, sogar bei fürstlichen Jagden als Treiber dienen, wovon sie erst 1530 durch ein jährlich zu zahlendes „Jagdgeld“ befreit wurden. In Kriegszeiten waren sie schließlich auf eigene Kosten zur „Reise“ verpflichtet. König hat fürs 15. Jahrhundert ausführlich über diese Auszüge bis nach Holland berichtet, bei denen bis zu 120 Bürger, d. h. jeder zweite Mann ausrücken musste. Entsprechend wurden regelmäßig Schießübungen abgehalten, worauf noch heute der Name des „Schießbergs“ hinweist, der von der Schießhütte beim späteren Haus Kellermann (Hotel „Dreikönig“) aus als Schussfeld diente. Schließlich konnte der Markgraf die Stadt jederzeit verpfänden, was ja schon Ende des 14. Jahrhunderts die Hohenlohe gemacht hatten, aber auch um 1464 Markgraf Albrecht: Für 14 000 fl verpfändete er damals die Stadt an Friedrich von Zipp lingen und Heinz Zehe zu Jagstheim. Hätte die Stadt damals Lust gehabt, sich freizukaufen, wäre Crailsheim am Ende sogar zur Reichsstadt aufgestiegen, was es ja schon zwischen 1310 und 1338 gewesen war. Statt dessen bestand jetzt die Gefahr, dass Crailsheim in die Gewalt des benachbarten Niederadels geraten könnte, der ja bereits in den Freihöfen vor Ort saß. Aber der Markgraf löste Crailsheim rasch wieder aus der Verpfändung, legte also Wert darauf, die Stadt als westlichen Vorposten seines Territoriums zu behalten.

Stadtregiment

Mit Crailsheims Stadtherrlichkeit sah es also im Ganzen nicht so rosig aus, wie es die Betrachtung einzelner reicher Bürger nahelegen mag. Überhaupt war es mit den Bürgerrechten damals nicht allzu weit her. Zwar wurde der Stadtrat jedes Jahr neu „gewählt“, was aber nach der bis 1806 geltenden Stadtordnung von 1434 reine Selbstergänzung bedeutete, zumal der Stadtvogt ein erhebliches Mitbestimmungsrecht hatte: Er eröffnete die „Wahl“, indem er ein Mitglied des alten Rates ernannte und mit diesem zusammen ein weiteres Mitglied berief, um dann zu dritt weitere drei, zu sechst die letzten sechs zu „wählen“. Persönlich konnte er also vier Ratsmitglieder berufen, die anderen wurden durch Selbstergänzung „gewählt“. Auch die Bürgermeister wurden aus dem Rat selbst gewählt und wechselten keineswegs, wie vorgesehen, jährlich, was daher zum „Vetterlesrat“ führte, wie ihn 1525 die Crailsheimer im Bauernkrieg ausdrücklich kritisierten. Bezeichnenderweise begegnen wir denn auch eben den Leuten als Ratsherren, die wir oben als die Crailsheimer Hautevolee kennengelernt haben: Wilhelm Wernitzer (1000 fl) gehört zu einer Familie, die 1374 in Rothenburg den größten Steuerzahler stellte und Heinrich Toppler durch Einheirat zum führenden Mann der Stadt werden ließ. Ähnliches gilt für die Virnkorn, die zwar 1497 nicht mehr in Crailsheim nachzuweisen sind, bis dahin aber wie gezeigt selbst bei überörtlichen Entscheidungen gefragt waren und ebenfalls Rothenburger Wurzeln haben. Ausgerechnet 1379, als die drei Reichsstädte angeblich Crailsheim belagern, lebt dort ein Apel Virnkorn, was wohl auch nachvollziehbar macht, dass die drei Städte nicht gegen Crailsheim kämpfen, sondern nur dem Stadtherrn die „Daumenschrauben“ ansetzen wollten. Linhart Lang (500 fl) ist 1489 Bürgermeister, als Ratsherren werden 1490 Hans Hartmann (1000 fl) und Linhart Heidecker (der zwar unter 500 fl lag, aber 2 Untertanen besaß), greifbar, als sie mit dem Untervogt als Interessenvertreter von Spital und Burgbergkapelle an einem Vertrag der Gemeinde Bölgental mit Kloster Anhausen teilnehmen. Kaspar Hirsing (1000 fl) war ebenfalls Bürgermeister und ist 1491 als Ratsherr Pfleger der Liebfrauenkapelle, in welcher Funktion er als Ganerbe in Ofenbach den Viehtrieb regelt. 1503 stiftet er mit seiner Gattin Margarete Wenner (500 fl) den Ölberg, der heute außen am Chor der Johanneskirche steht. Ein Burkart Hirsing ist 1507 „Vogt“ der unmündigen Kinder des verstorbenen Jörg von Vellberg und vertritt noch 1521 die Interessen der Brüder Wolf und Ernfried von Vellberg. Ein Philipp Hirsing ist 1545 markgräflicher Kastner in Crailsheim und gibt mit seiner Gattin Wernitzer (1000 fl) 10 fl zur Anlage des „Alten Friedhofs“.

Die „Dynastie“ Völker (1000 fl) stammt von dem Kastner Michael ab, der seine Kinder zum Teil studieren lässt und bereits ein Adelswappen erhält. Sein Sohn Johann Völker ist seit 1479 oder spätestens 1486 Kanzler des Markgrafen, seine Tochter Katharina mit einem Conz Wenner (500 fl) verheiratet und ihr Sohn Hans 1489 und 1495 Bürgermeister. Ein anderer Sohn, Michael Völker, feiert 1445 Primiz in Crailsheim und ist 1451 Pfarrer zu Roßfeld, während der in Crailsheim verbleibende Sohn Heinrich als Gatte der aus dem Dinkelsbühler Patriziat stammenden Barbara Berlin den endgültigen Aufstieg zum Großgrundbesitzer und Patrizier erreicht, was sein gleichnamiger Sohn (†1523) eben mit seinem stattlichen Besitz bestätigt. Dazu passt aber auch sein Amt als Wildmeister, eine Position, die häufig mit Adligen besetzt war, da sie bei den Jagden in nächster Nähe zum Landesherrn standen, z.T. militärische Aufgaben als Offiziere des Jägerkorps hatten und jedenfalls für den Forst eine eigene Gerichtsinstanz bildeten. Als er 1507 seine Güter in Uhlberg und Mainkling für 560 fl an Georg von Vellberg verkauft, muss er für das Gut in Mainkling den Schenken Christoph von Limpurg um entsprechenden Lehenwechsel bitten. Dies bedeutet, dass Heinz Völker zuvor zum Lehnsgefolge des Schenken gehört hatte, damit aber dem eigenen Stadtherrn gegenüber wie der in der Umgebung der Stadt wohnende Adel in eine konkurrierende Lehnshörigkeit geraten war. Dies war sicher nicht im Sinne des Markgrafen, beweist aber eben die Unabhängigkeit mancher Crailsheimer Bürger von der Stadtherrschaft, selbst wenn sie wie Heinz sogar in besonderem Dienstverhältnis zu dieser standen. Die Stadt Rothenburg war über solche fremden Verpflichtungen ihrer Bürger jedenfalls nicht begeistert und zwang Heinrich Toppler, entsprechende Lehen durch Gütertausch zu freiem Eigen zu machen.

Dass diese Crailsheimer Patrizier durchaus mit denen der Reichsstädte mithalten konnten, mögen noch zwei Begebenheiten belegen, die zwar nicht mit unserem Register zusammenhängen, aber doch zeitnah genug sind, um für die dort aufgeführten Personen etwas Lokalkolorit zu schaffen: 1465 wird Heinz Hegner aus Crailsheim in Hall gefangen, nachdem er mit seinem Schwager Contz Bader aus Neidenau (Neudenau) Gut des Wilhelm von Crailsheim und von dessen Bauern erbeutet hat. Gegen Urfehde wird er freigelassen, da er sich bereiterklärt, den Schiedsspruch des Crailsheimer Vogts Heinrich von Seckendorff anzunehmen. Dieser Crailsheimer Bürger führt also wie ein Adliger bewaffnet Fehde gegen einen Adligen, um sein (vermeintliches) Recht diesem gegenüber zu erzwingen. Dazu passt, dass die Völker 1481 wie die v. Wollmershausen und v. Beuerlbach in der Johanneskirche eine eigene Grabkapelle mit Altar neben dem „Brauttor“ stiften. Als Pfründenstifter haben sie daher auch Einfluss auf die Besetzung dieser Pfründe, was dazu führt, dass erstaunlich viele damalige Pfarrer und Kapläne Crailsheims aus den führenden Geschlechtern der Stadt stammen. Dies hat keineswegs damit zu tun, dass diese reichen Leute ihre Kinder eher studieren las sen konnten als die Normalbevölkerung, sondern damit, dass sie bei der Ämterbesetzung als Pfleger massiven Einfluss üben konnten. Zum Beweis seien hier einige damalige Geistliche aufgeführt: 1451 ist Michel Völker eben Pfarrer zu Roßfeld. 1488 ist ein Johann Neu (1000 fl) Kaplan am Crailsheimer Zwölfbotenaltar und schenkt dem Heiligen für eine Seelmesse Güter im Wert von 50 fl. 1492 ist derselbe Vikar zu Roßfeld, möglicherweise als weitere Pfründe. 1480 stiften die Priester Georg und Peter Karpf (500 fl) Zinsen aus einem ihnen gehörenden Haus an die Johanneskirche, und 1510 stirbt Dr. theol. Stefan Karpf als Pfarrer eben der Johanneskirche. Er steht sicher in verwandtschaftlichem Verhältnis zu Hans Karpff, der 1507 in Crailsheim Schulmeister und Bürger ist, oder zu dessen Vetter Paul Karpff, der damals Crailsheims Kastner ist. Möglicherweise ist auch der 1481 verstorbene Pfarrer Sattler ein Stadtkind, wenn er mit den beiden Familien Sattler (Nr. 3 142 und 3 167 im Steuerverzeichnis) zusammenhängt, die freilich eher zur ärmeren Kategorie der Bürger zu gehören scheinen. Sein Nachfolger, Magister Balthasar Barth, ist jedenfalls Stadtkind, ohne sich in das Patriziat einordnen zu lassen. Und selbst Crailsheims Reformator Adam Weiß ist nicht einfach nur ein gebürtiger Crailsheimer, sondern Sohn des Bürgermeisters Burkhard Weiß. Zwar erscheint in unserem Register lediglich ein Hans Weiß (Nr. 3 213), der unter 500 fl Vermögen liegt, was sich aber u.U. erst durch etwaige Erbteilung mit seinem Bruder (?) Adam ergeben hat. Interessanterweise begegnet aber auch schon 1447 im Feuchtwanger Chorherrenstift ein Magister Adam Weiss als Chorherr, ausdrücklich durch die Markgräfin Margaretha auf diese Pfründe berufen. 1459 tauscht er diese Pfründe mit seinem Bruder Friedrich Crafft, wobei der Vorname Kraft ebenfalls in unsere Region weist. Wenn diese beiden Brüder der Crailsheimer Familie zuzuordnen sind, haben die Weiss also im 15. Jahrhundert eine erhebliche „Pfründenwirtschaft“ treiben können, wie man sie sonst eher vom Niederadel kennt. 1529 sind jedenfalls unter Adam Weiß sieben der acht Crailsheimer Geistlichen Stadtkinder. Dabei gibt es auch noch ein katholisches Gegenstück in Würzburg: Der um 1500 in Crailsheim geborene Philipp Preuß, wo 1497 vier Prews/Brews verzeichnet sind, davon einer mit über 500 fl, stirbt 1552 als Dekan des Neumünsterstifts, hat also am Katholizismus festgehalten, bedenkt aber in seinem Testament durchaus auch seine inzwischen wohl evangelischen Schwestern und deren Kinder.

Crailsheims Rang um 1500

So hat uns die Betrachtung des Steuerregisters von 1497 einen gewissen Einblick in die Sozialordnung der Crailsheimer Bevölkerung erlaubt, eine Tatsache, die uns vielleicht mit der Tätigkeit des Finanzamtes aussöhnen mag. Hauptmakel ist allerdings, dass erst der Horlandplan von 1738 eine berufliche Aufgliederung der Crailsheimer bietet, auch wenn selbst diese noch ihre Lücken hat, indem etwa die beiden Bürgermeister nur mit ihrem politischen Amt, nicht mit ihrem Beruf verzeichnet sind. Für unsere anfängliche Frage nach der Stadtentwicklung müssen wir dagegen nochmals deutlich machen, dass wir darüber aus den Quellen nichts herauslesen können, also die archäologischen Beobachtungen und Rückschlüsse aus dem 18. Jahrhundert mit größter Vorsicht vornehmen müssen und lediglich für 1497 mit relativer Sicherheit eine Einwohnerschaft von ca. 1100 Personen erschließen können. Diese erstaunlich niedrige Zahl in einer Stadt, deren Ausdehnung sich bis 1800 nur geringfügig veränderte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Crailsheimer damals eine Art „Konzentrat“ technischer und herrschaftlicher Intelligenz darstellten. Nicht nur saß ja hier der Amtmann oder Vogt des flächenmäßig größten Amtes des Markgraftums, damals immerhin ein Graf von Hohenlohe, machte also das gegenüber heute so winzige Crailsheim zur „Kreisstadt“ mit Landgericht, Finanzamt, Forstverwaltung, Zollstation und sogar Sammelplatz des Landesaufgebots, sondern zeitweise residierte sogar der Landesherr selbst im hiesigen Schloss oder nutzte es als Witwensitz und sah jedenfalls in der Stadtbefestigung eine wertvolle Landesfestung, die sich schon 1379/80 so glanzvoll bewährt haben soll und auch den Umwohnern Schutz in Kriegszeiten gewährte. Crailsheim war zudem Sitz eines würzburgischen Deka nats und bot mit seinen sieben Jahrmärkten einen kontinuierlichen „Messebetrieb“ für die Umgebung, die sich daher auch an Crailsheimer Maßen und Gewichten orientierte. Umgekehrt werden 1439 die Crailsheimer zur Ulmer Messe eingeladen, können also offenbar auch im Fernhandel eine gewisse Rolle spielen, was auch 1471 der Crailsheimer Hans Bauer beweist, der damals Ulmer Barchent in Bautzen verkauft. Sie veredeln wohl landwirtschaftliche Rohstoffe wie Leinen oder Felle und beliefern im Gegenzug die umwohnenden Bauern mit Gewerbeprodukten. Den Rang dieser in Crailsheim hergestellten Waren mag der damalige Crailsheimer Steinmetz Andreas Embhardt belegen, der nicht nur das Sakramentshaus in der Johanneskirche schuf und in einem kühnen Unternehmen die zu schwach ausgelegten Pfeiler der Johanneskirche verstärkte, sondern auch die steinerne Jagstbrücke baute. Als die Haller ihre bisher nur auf Steinpfeilern ruhende Henkersbrücke eben falls mit Steinbögen stabilisieren wollten, mussten sie dazu 1503 eigens einen Fachmann aus Heilbronn kommen lassen, wie ihn die Crailsheimer schon vor Ort hatten. Allerdings taucht er im Steuerverzeichnis nicht auf, war also möglicherweise nur Pfahlbürger, und verließ bald darauf Crailsheim, um den Chor der Gumbertuskirche in Ansbach fertig zu stellen. Der damals in Crailsheim geborene Hans Krell erreichte vollends als Cranachschüler am markgräflichen, dann ungarischen Hof, ab 1533 in Leipzig europäischen Rang.

Aber auch bildungsmäßig konnte Crailsheim mit den etwa dreimal so großen Reichsstädten konkurrieren, wenn etwa Pfarrer Sattler 1480 in seiner Hebammenordnung eine der ältesten Anweisungen für einen Kaiserschnitt gibt, oder der Crailsheimer Pfarrer Stefan Karpf den theologischen Doktorgrad besitzt, eine höchst ungewöhnliche Qualifikation damaliger Geistlicher. Dasselbe gilt für Adam Weiß, der als „Lic. theol.“ an der Mainzer Universität theologische Vorlesungen hielt und schon vor Ausbruch der Reformation mit der kritischen Bibeledition in Mainz in Berührung kam. Er kann daher unabhängig von Luther aus eigener Bibelkenntnis an der theologischen Diskussion teilnehmen. Hierzu passt denn auch, dass um 1500 Crailsheim auch einen neuen Hochaltar aus der führenden Nürnberger Werkstatt des Michael Wolgemut erhält, in der Albrecht Dürer bekanntlich sein Handwerk erlernte. Ein solches Spitzenwerk beweist nicht nur den guten Geschmack der damaligen Crailsheimer Heiligenpfleger, sondern auch den Rang der Stadt selbst, die sich eben ein solches Spitzenprodukt leistet. Nicht also die Quantität, sondern die Qualität machte damals den Rang Crailsheims aus, eine Beobachtung, die vielleicht auch heute dazu anregen sollte, nicht nur die schiere Einwohnerzahl oder die Höhe des Steueraufkommens, sondern die Zentralitätsfunktion und die kulturelle Leistungsfähigkeit neben der Lebensqualität selbst als maßgebliche Kriterien für eine Rangordnung zu sehen.