Crailsheimer
Historischer Verein e. V.

von

Vorbemerkung

Die Bearbeitung dieses Dokumentes zur Crailsheimer Stadtgeschichte entstand im Rahmen familiengeschichtlicher Forschungen zum Familiennamen Rohleder, deren Namensträger spätestens seit dem 15. Jahrhundert in verschiedenen Orten der mit telfränkischen Lande, darunter in Crailsheim, ansässig waren.

Die kursiv gesetzten Abschnitte folgen weitgehend der Diktion der Originaltexte. Zum bes seren Verständnis für den heutigen Leser wurden sie moderat dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst.

I. Die Crailsheimer Supplikation von 1592/93

Dieses Dokument aus dem Stadtarchiv Crailsheim, eine Bittschrift mehrerer Crailsheimer Krämer, überliefert einen anschaulichen Einblick in die Lebenswirklichkeit, die Handel und Wandel in der Stadt Crailsheim im ausgehenden 16. Jahrhundert geprägt hat.

Während das Originaldokument selbst undatiert ist, erlauben die in den Crailsheimer Archivalien aufgefundenen Lebensdaten einiger Beteiligter das Jahr 1592 oder kurz danach als wahrscheinlichen Zeitpunkt der Entstehung anzusehen: Zum einen ist der Hauptadressat der markgräfliche Amtmann, der 1592/93 in Amt und Würden kam. Zum anderen könnten zwei der Supplikanten für dasselbe Jahr in Frage kommen. Zum einen Anna Arnschwanger, Wittib des in eben diesem Jahr verstorbenen Simon Arnschwanger, Gewandschneiders und Bürgermeisters; zum anderen auch Hanns Rholeder, Krämer, der bis 1591 noch Umgelter war, der sich nun, weil ohne Stadtamt, an der Supplikation direkt beteiligen konnte. Conrat Hammerschmidt war 1594 bereits Ratsmitglied und hätte gewiss dann nicht mehr an die eigene Institution geschrieben.

Viele der in der Supplikation geschilderten Umstände stehen, sicherlich nicht ganz überraschend, für Erscheinungen, die manchen Handelsmann von heute auch wieder umtreiben und damit einen gewissen aktuellen Bezug herstellen, wobei das Verhältnis zu den Juden ausdrücklich ausgenommen ist! Der Supplikation zugrunde liegt eine Beschwerde von acht Crailsheimer Bürgern, die dem Krämergewerbe nachgingen.

Die Supplikation richtete sich an die für städtisches Recht und Ordnung zuständigen Gremien, selbstverständlich in der Reihenfolge ihrer Rangordnung, mit folgenden Worten:

Underthenige Gehorsame Supplication an den Wolgeborenen und Edlen Herrn Thomaßen Freyherrn von Krichingen, Herrn zu Büttingen. Ihro Durchlaucht zu Brandenburg Rath, bestellten Kriegsobristen und Ambtmann, auch die ernhaften, fürsichtigen und wolweisen Herren Vogt, Bürgermeister und Rath allhier zu Crailsheim!

Danach halten sich die Supplikanten nicht lange mit weiteren Vorreden auf, gehen vielmehr gleich in medias res:

Demnach Euer Gnaden, Erlauchter und Wohlgeborener, jüngst zwischen uns und Sebastian Schromen wegen etlicher Apotheken Species und Waren, die bisher nach altem Herkommen wir in unseren Kramläden verkauft haben, einen Entscheid und Vergleich getroffen haben, dem wir underthänigst, gehorsam und willig nachkommen wollen, sich darunter jedoch einige nebenstehend spezifizierte Stücke befinden, welche der gemeine Mann meistens zu seinem Vieh gebraucht und die in Dinkelsbühl und anderen Reichsstädten sowohl die Lebküchner ganzjährig neben den Apotheken und an Jahrmärkten auch alle Landfahrer auf Wochenmärkten vor unseren Häusern und Läden ungestört feilbieten dürfen, empfinden wir die nachstehende Benachteiligung.

Was war geschehen? Aus der Supplikation geht hervor, dass offenbar der Apotheker Sebastian Schromm das Privilegium erhalten hatte, die im Anhang der Supplikation, dem Verzaynus, aufgeführten Waren zu vertreiben, wovon die Krämer zukünftig ausgeschlossen sein sollten! Unklar ist dabei, auf wessen Initiative hin dies geschehen ist. War es eine Eingabe des Apothekers? Oder basierte es auf einem markgräflichen Mandat, an denen in der Regierungszeit Markgraf Georg Friedrichs (reg. 1556–1603), in dessen bester Absicht, viele Lebensbereiche zu reformieren, kein Mangel herrschte.

In Abwesenheit eines schriftlichen Belegs ist die Urheberschaft nur sehr schwer zuzuordnen. Manches spricht aber dafür, dass sie auf die Initiative des Apothekers zurückging, denn es steht fest, dass die Apotheker gerade in dieser Zeit versuchten, ihre berufliche und wirtschaftliche Stellung zu festigen und für bestimmte Arzneimittel ein Monopol zu schaffen, was zwangsläufig zu Überschneidungen mit dem traditionellen Produktangebot der Krämer führte. Andererseits gab es in der Tat immer wieder auch obrigkeitliche Bestrebungen, das Gesundheitswesen auf eine professionellere Basis zu stellen, ein sehr langwieriger Prozess, der erst im 19. Jahrhundert seinen Abschluss fand.

Ungeachtet der Urheberschaft: Es war der klassische Fall einer Regulierung des Marktes! Dem wollten die Krämer zumindest ihre Argumente entgegensetzen, obwohl sie bereits versichert hatten, der als „Vergleich“ bezeichneten Entscheidung des Amtmanns, als Vertreter des markgräflichen Souveräns, nachzukommen!

Die Supplikanten fahren fort, vorerst noch mit deutlichem Schmeicheln:

Wir sind aber auch, weil wir das bei der Ausübung unserer Gewerbe spüren und bemerken, der unzweifelhaften Hoffnung, dass Euer Gnaden die Ihrem Amt obliegende und gemeinnützliche Polizei-Ordnung in dieser Stadt verfügen und einen jeden Bürger damit bei seinem ehrlichen Gewerbe, Unterhalt und Handlungen zu fördern und zu erhalten geneigt sind. Darum bitten wir underthänig und gehorsam, nicht nur zuzulassen und zu bewilligen, solche Stücke gleich den Fremden feil haben und verkaufen zu dürfen, sondern auch nachfolgend noch andere Beschwerden wegen etlicher eingerissener, gemeinschädlicher Mißbräuche in Gnaden zu vernehmen und nicht unwillig zu sein, mit gleichmäßiger gnädiger Hilfe zu erscheinen!

Offensichtlich haben die Krämer noch mehr auf dem Herzen! In der Tat, es wird schnell erkennbar, dass sich ihre Klage nun voll gegen die ambulanten Konkurrenten aus dem Hausiergewerbe richtete. Diese trieben Handel im Umherziehen von Haus zu Haus ohne festen Wohnsitz oder gewerbliche Niederlassung. Häufig handelte es sich um Juden, die am Rande der Gesellschaft stehend dadurch eine mühsame Existenzgrundlage fanden. In früheren Zeiten war dieses Wandergewerbe eine allgemeine und notwendige Form des Handels zur Versorgung des offenen und gering bevölkerten Landes mit weit auseinander liegenden Ortschaften, Weilern und Gehöften. Es florierte noch bis ins 19. Jahrhundert!

Natürlich ließ sich dieser Handel trotz mannigfacher Beschränkungen auch von den Städten nicht fernhalten. Schon 1533 waren im Crailsheimer Stattbuch Ordnungen und Gewohnheiten eingeschrieben, die vor auswärtiger Konkurrenz schützen sollten. Deren Auftreten führte unweigerlich zu Spannungen mit den städtischen Krämern. Hinzu kam eine offenkundige antijüdische Haltung, der auch die Crailsheimer Stadtobrigkeit nicht entgegenzutreten schien.

Es folgt nun eine ungeschminkte Aufzählung von Übertretungen des geltenden Marktrechts, die den ungeliebten Konkurrenten angelastet wurden, was von der Obrigkeit – so die Beschwerdeführer – schon seit längerem geduldet wurde:

Obwohl gnediger, auch günstiger gebiettende Herrn alles Hausieren mit Waren in den Wirts- und Privathäusern, oder diese sonstwie heimlich zu verkaufen oder zu tauschen, ohne Vorwissen oder Bewilligung der Ortsobrigkeit und ohne wichtige Ursachen außerhalb der öffentlichen Jahr- und Wochenmärkte in unseres gnedigsten Fürsten und Herrn Städten vor langer Zeit mit gutem Rat abgeschafft und ernsthaft verboten, so ist dessen ungeachtet doch eine Schmälerung und Minderung guter fürstlicher und des Heiligen Römischen Reiches Polizeiordnungen gegen alles Marktrecht und Gewohnheit eingetreten!

Hier ist zweifellos ein gewisser bei den Supplikanten aufgestauter Frust zu vernehmen, der sich nun nach und nach zu einer Art Generalabrechnung mit dem Hausiergewerbe zusammenbraut:

Auch wird an allen anderen Orten, in welchen freie, öffentliche Jahr- und Wochenmärkte zugelassen sind, an nützlichem Brauch und Ordnung steif und fest gehalten, dass ein jeder Krämer und Handelsmann seine Ware nicht länger aufbaut und feilhaben darf, als die nach dem Marktrecht übliche Zeit. Und sich auch vor und nach dem Markt allen Hausierens und Tauschens der Waren zur Vermeidung der darauf gesetzten hohen Strafen enthalten soll und muß!

Im weiteren Verlauf werden nun „Ross und Reiter“ genannt und verschiedene ambulante Händler und ihre spezifischen Waren angeprangert. Dabei werden die jüdischen Händler mit diskriminierenden, ja gehässigen Unterstellungen belegt:

So ist doch ungeachtet aller Verbote das Hausieren in dieser Stadt dermaßen eingerissen und von außer Landes kommenden fremden Landstreichern, den verfluchten und verderbten Juden, auch landfahrenden Weißnern, solchermaßen in Schwung gebracht und zur Übung geworden, dass wir arme Bürger und Krämer solches nicht nur an öffentlichen Jahr- und Wochenmärkten, sondern auch außerhalb derselben, davor und danach, wöchentlich und täglich mit unserem merklichen Schaden und Nachteil sehen, leiden und gestatten müssen!

Damit noch nicht genug! In der Supplikation beginnen nun die Krämer, das gesamte vermeintliche Sündenregister der Hausierer aufzuzählen und sie dessen zu beschuldigen:

Mit ihren das Licht scheuenden und deswegen vermutlich gefälschten und betrügerischen Waren behelfen sie sich mit heimlichem Hausieren und Tauschhandel in den Wirts- und anderen Privathäusern, wo sie heimlich ihre Kramwaren auslegen, wie wüllen Tuch, sie seyen gleich genetzt, geschorn, auf die Nadel bereits gerecht oder nit, dann auch Wurschet, Harleß, Macheyer, Grobgren, Barchet, Leinwat und andere Wahren ausschneiden, verparthiren und etwo zuweilen den Schneidern dieselben zu verschleichen hinterlassen.

Wie auch die verderbten Juden um ihrer unchristlichen und unredlichen Zinsen wegen den einfältigen Leuten zu deren Verderben und Schaden dergleichen Ware aufschwatzen und sie damit aussaugen. Dazu gehört heimliches Haussieren und betrügerischer Warenerwerb in den Städten und auf dem Land nicht weniger, als das verderbliche Reiftragen, darunter sich zuweilen allerhand verwegene, hochschädliche Gesellen verbergen und hinbringen, welche neben anderen Waren vornehmlich alle Viktualien, als da sind Schmalz, Käs, Eier, Unschlitt, Flachs, Erbsen und Linsen zum höchsten verteuern, indem sie sie den Bauern auf dem Land abschwatzen, so dass diese gar nicht mehr auf den feilen Markt kommen, oder, so es schon auf dem Markt feilgeboten wird, den Bauersleuten dermaßen an ein Geld auf den Fahnen Zug setzen, dass diese es hernach einem Bürger nit mehr gerne anbieten oder verkaufen, sie können dann noch höher hinaußbringen.

Die Aufzählung der aus der Sicht der Krämer unfairen Praktiken der Hausierer fußt einmal auf dem Umstand, dass diese durch ihr Umherziehen näher am Erzeuger waren und sozusagen im Vorbeigehen, wenn der Bauer gerade Geld brauchte, günstig aufkauften, so dass bestimmte Produkte gar nicht mehr zu reellen Preisen auf den Markt gelangten. Zum anderen böten die Hausierer den Bauern auf den Märkten so hohe Preise für den Zeitpunkt nach Marktende (Einzug der Marktfahne!), dass diese kein Interesse mehr hätten, ihre Waren günstig an die Marktbesucher zu verkaufen. Für die Krämer wurden damit Angebot und Preise auf dem Markt unterlaufen!

Allen guten Polizeyordnungen, Marktrechten, löblichen Gebräuchen und gemeinem Nutzen und aller Redlichkeit zuwider, ist dies alles hochschädlich, da dadurch die freien Jahr- und Wochenmärkte geschwächt und nicht allein uns armen Supplicanten spürbar großer Schaden und Schmälerung unserer bürgerlichen Gewerbe zugefügt werden, da wir unsere Gewerbe allein zu unserem Unterhalt betreiben und nicht ohne Gefahr von Unkosten, mal mit Verlust, mal mit kleinem Gewinn, in diesen Zeiten führen müssen. Auch wird dies Eurer Durchlaucht und der Stadt am Umgelt, und an anderem Einkommen, so wie allen Handwerksleuten, zu großem Abbruch und Nachteil gereichen.

Also lassen wir hiermit an Euer Gnaden Erlauchtigter Wohlgeborner unser unterthenigst gehorsamliches Bitten gelangen, Sie mögen sich durch das Ihnen obliegende Amt und aller Gerechtigkeit nach auch unsere großen Beschwerungen gnädig und günstig zu Gemüthe führen und das heimliche Zuschneiden und den Tauschhandel so wenig dulden und leiden, als es auch in Reichsstädten und anderen herrschaftlichen Städten der Fall ist, und außer auf den freien Jahr- und Wochenmärkten das Zufahren über das Jahr bey einer namhaften Straff verpieten und abschaffen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der von den Krämern sicherlich als einseitig empfundene „Vergleich“, der zur Beschränkung ihres Warenverkaufs führte, einen regelrechten Dammbruch von Aggressionen gegenüber den Hausierern ausgelöst hat und sich nunmehr der vermutlich schon lange aufgestaute Unmut geradezu hasserfüllt entlädt. Man fordert quasi für den von der Obrigkeit verfügten Ausschluss von einem Segment des Krämermarktes eine Kompensation durch das möglichst umfassende Verbot der Aktivitäten der Hausierer:

Damit wir als Euer Durchlaucht arme Bürger und Underthanen, deren wir neben der Statt-Steuer, Wach- und anderen Diensten, die wir uns schuldig erkennen, auch jederzeit gehorsam leisten wollen, von den betrügenden, verfluchten Juden und anderen fremden landstreichenden, schädlichen Haussierern bei unseren Gewerben, Handel und Broterwerb geschützt werden mügen, um nicht das Brot vorm Mund abgeschnitten zu bekommen!

Solches, um Euer Gnaden Erlauchtigsten und Wohlgebornen hinwider underthänig und gehorsamst unseres Vermögens zu verdienen, auch bei Gott, dem Allmächtigen, langwährende Gesundheit und glückhaftes Regiment zu erbitten, sollen und wollen wir jederzeit unvergessen, willig und bereit vorgefunden werden, uns dem zu gewährenden Bescheid underthänigst und gehorsamst anzubefehlen.

Eurer Gnaden, Erlauchter und Wolgeborner, Underthenige und gehorsame Bürger. Johannes Winter Hannß Rholeder Anna Arntschwangerin Witib Conrat Hammerschmidt Hanns Arroldt Wolff Junckhwirth Claus Weber Frantz Sarkhmann.

Nachwort

Einige der Unterzeichner übten ausweislich der im Stadtarchiv Crailsheim erhaltenen Rechnungen und Quittungen das Krämergewerbe aus und erscheinen, teilweise über Jahre, auch als Mitglieder des Rates und Inhaber von Vertrauensämtern:

So war der Krämer Hannß Rholeder von 1586 bis 1604/07 Mitglied des Inneren Rats und fungierte in den Jahren 1586 bis 1602 als Stadtbaumeister, im Jahr 1586 als Steuermeister, von 1590 bis 1591 als Stadtumgelter sowie von 1604 bis 1606 als St. Johannes- und Kapellenpfleger.

Simon Arnschwanger, Krämer und Gewandschneider, saß von 1570 bis 1592 im Inneren Rat der Stadt Crailsheim und war in den Jahren von 1586 bis 1591 mehrfach Bürgermeister. Conrat Hammerschmidt war von 1594 bis 1603 Mitglied des Äußeren und von 1604 bis 1615 Mitglied des Inneren Rats. Seine weiteren Stadtämter: 1594–1597 Stadtbaumeister und von 1604 bis 1615 Bürgermeister. Hannß Arroldt, schließlich war zeitweise Jagst-Fischmeister und Nicklas (Claus) Weber Fleischschätzer.

Die Unterzeichner gehörten also zur städtischen Oberschicht und zum Stadtregiment. Vielleicht ist die Supplikation deshalb auch ziemlich freimütig ausgefallen. Offenbar war der markgräfliche Amtmann die oberste Instanz zur Entscheidung über die reklamierten Missstände. Als erster Adressat der Supplikation hatte er wohl das letzte Wort. Wie dieses ausfiel, ist leider nicht überliefert!

Die Supplikation der Crailsheimer Krämer reflektiert zweifellos ökonomische Ängste, deren reales Ausmaß und Schwere aus der zeitlichen Distanz von 400 Jahren nicht mehr eindeutig bewertbar sind. Auf jeden Fall sind die hoheitlichen Eingriffe in das Alltagsleben und die laxe Handhabung der Gesetze aus der Sicht der Betroffenen legitime Anlässe zur Gegenwehr gewesen.

Die geradezu hasserfüllte Haltung gegenüber Fremden und Juden ist ein fortwährendes historisches Phänomen, mit dem sich die Zivilgesellschaft bis heute auseinander zu setzen hat.

II. Das Verzaynus der Species

Der Supplikation ist ein Verzaynus beigefügt, das alle jene Kräuter- und Gewürz-Species aufführt,

so wir Krämer begern die feyl zu haben, neben anderen frembden Landfarer, Dorffkrämer und Lebküchner, die alle Wochen- und Jharmärcken bey uns verkauffen.

Damit unterstreichen die Supplikanten erneut, dass sie am Verkauf dieser Species teilhaben wollen, und verlangen, das gleiche Warenangebot wie ihre Mitbewerber führen zu dürfen. Die interessante Originalliste des 16. Jahrhunderts lässt deutlich erkennen, dass der „gemeine Mann“ damals die Heilmittel und Medikamente des täglichen Bedarfs für Mensch und Tier durchaus beim Krämer erhalten konnte und dazu nicht unbedingt die Apotheke in Anspruch nehmen musste. Liegt hier vielleicht der Schlüssel zu der entstandenen Kontroverse mit Apotheker Schromm?

Bei den verzeichneten Kräuter- und Gewürz-Substanzen, Präparaten und Pro dukten handelt es sich um Bezeichnungen, die aus dem heutigen Gegenwartswissen fast vollständig verschwunden sind. Auch sind deren Anwendungen und Wirkungen gleichermaßen in Vergessenheit geraten, obwohl sie über Jahrhunderte in Volksmedizin und Tierheilkunde Verwendung fanden, denn mehr als die Hälfte der heute bekannten Naturheilmittel war auch schon Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt!

Seit dessen Beginn hatte ein enormer Aufschwung in allen Wissensgebieten stattgefunden, zu dem die welthistorischen Ereignisse jener Zeit beitrugen. So die Reformation durch die Lösung konfessioneller Bindungen und der Humanismus. Nicht zuletzt aber auch der Buchdruck und die fortschreitende Exploration der Erde und des Universums. Auch der Botanik mit ihren antiken Wurzeln wurde wieder ein höherer Stellenwert zugemessen und damit auch ihrer Bedeutung für die Medizin.

Über solche Kenntnisse verfügen wahrscheinlich heutzutage nur noch traditionell ausgebildete Apotheker oder Lebensmittelchemiker. Es droht die Gefahr, dass dieses überlieferte Wissen durch die heutigen Präparate der Pharmaindustrie mit ihren größtenteils synthetischen Wirkstoffen völlig verloren geht.

Deshalb nachstehend der Versuch, die Species in ihrer historischen Bedeutung bzw. Verwendung darzustellen. Dazu diente in erster Linie ein Werk, in welchem die aufgeführten Species in bewundernswerten, farbigen Holzschnitten abgebildet und beschrieben sind: das von Leonhart Fuchs verfasste „Neue Kräuterbuch von 1543“.

Fuchs (1501–1566), ein pflanzenkundiger Mediziner, gilt heute noch als Pionier der modernen Botanik. Sein Kräuterbuch enthält detaillierte Angaben, so zum Beispiel zu verschiedenen Namen der gleichen Pflanze, zur Statt irer Wachsung, d. h. dem Ort ihres Vorkommens, zur Blüte- oder Erntezeit sowie zu Krafft und Würkung, also den Indikationen und Anwendungen. Leonhart Fuchs erwähnt auch schon einige Hinweise zur Herstellung von Darreichungsformen für Heilmittel mit Ingredienzien der beschriebenen Pflanzen.

Fuchs hat damit das botanische Wissen des 16. Jahrhunderts in deutscher Sprache der damaligen Zeit anschaulich und kenntnisreich zusammengefasst und veröffentlicht. Es war jedermann zugänglich und die Kräuterpräparate allgemeine Handelsware. Er schreibt sogar in seiner Einleitung,

es sollte vor allem dem gemeinen Mann zu der erkantnuß der Kreüter … nützlich und fueglich sein.

Seine Publikation ist somit authentisch für die Zeit der Supplikation und deren Verzaynus der Species.

Ab 1526 lehrte Fuchs an der Universität Ingolstadt als Professor der Medizin, konnte sich aber als Anhänger Martin Luthers nicht den dortigen konfessionellen Anfeindungen entziehen. Schließlich war auch Johannes Eck, der erbittertste Widersacher Luthers und der Reformation, seit 1510 als Professor für Theologie in Ingolstadt tätig19. Leonhart Fuchs übernahm deshalb 1528 die Stelle als Leibarzt am Hofe des protestantischen Markgrafen Georg (des Frommen) von Brandenburg-Ansbach. Während dieser Zeit schrieb er weitere einschlägige Werke. Von Herzog Ulrich von Württemberg wurde er 1535 auf den Lehrstuhl für Medizin in Tübingen berufen. Dort legte er auch den noch heute existierenden „alten Botanischen Garten“ am Nonnenhaus an.

An die Zeit seiner Aufenthalte in Ansbach und Tübingen erinnert er sich bei der Beschreibung des Lörchenbaumes (der Lärche) in seinem Kräuterbuch (Cap. CLXXXIX; Abb. CCLXXX). Er schreibt, dass die Lärche nicht überall wachse, aber in Schlesien im Überfluss, so dass man mit seinem Holz die Stuben täfele. Er fährt fort, dass Fürst und Markgraf Georg,

mein gnediger Herr, hat vil Lörchenböum gen Onoltzbach lassen füren unnd dieselbigen alda in seiner fürstlichen Gnaden Garten lassen pflantzen21, darvon mir auch einen gen Tübingen hat geschickt.

Dort ist Leonhart Fuchs 1566 verstorben.

Zur weiteren Klärung der therapeutischen Eigenschaften wurde auch das „Handbuch der Pharmazeutischen Praxis für Apotheker, Ärzte, Drogisten und Medizinalbeamte“ von Dr. Hermann Hager, Berlin 1876, ein Standardwerk des 19. Jahrhunderts, herangezogen22. Es zeigte sich, dass selbst rund 300 Jahre nach Fuchs noch sorgfältig beschriebene Herstellungsverfahren für erweiterte Darreichungsformen existierten, die sich noch immer auf die gleichen Species gründen und auch für zum Teil vergleichbare Beschwerden indiziert sind.

Das originale Verzaynus ist nachstehend aufgeführt. Mehrere Species sind auf dem Originaldokument zu einer Gruppe mit einer beschreibenden Bemerkung zusammengefasst, die weitgehend selbsterklärlich ist. Damit die Verwendung der aufgeführten Waren in der damaligen Zeit auch für den heutigen Leser verständlich wird, sind jeweils kurze Erläuterungen beigefügt. Sie sind keineswegs Anleitungen zur Selbstmedikation!

Die Informationen stützen sich vorwiegend auf das Werk des Leonhart Fuchs von 1543, wobei auch dessen Nummerierung der Kapitel und Abbildungen mit römischen Zahlen übernommen wird, sowie auf Hermann Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. In einigen Ausnahmefällen werden auch andere Quellen angeführt.

Die braucht der gmaine Man zu dem Viehe undhabens alle Dorffkrämer fayhl:

  • Tiriac
  • Eberwurz
  • Enzian

Tiriac ist heute als Theriak bekannt und das wohl merkwürdigste Präparat der gesamten Auflistung.

Seit dem Mittelalter wird es als universelles Wunderheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten verwendet und auch bis in die Gegenwart noch hergestellt. Ursprünglich wurde es als Antidot entwickelt, weil angeblich Gift inaktivierend bzw. die Wirkung herabsetzend. Selbst gegen Syphilis, Pest und Cholera wurde es sowohl in seriösen Apotheken als auch von umherziehenden Quacksalbern angeboten. Die Rezepturen sahen 60 bis 80 verschiedene Ingredienzien vor, teilweise aber auch bis zu 300. Es enthält u. a. pflanzliche Drogen, Opium, Gewürze etc. bis hin zu Schlangenfleisch. In der Renaissance war Venedig der Haupthersteller für dieses begehrte und kostbare Medikament. Die Pharmacopoea Germanica von 1882 zitiert ein Rezept aus Meyers Konversationslexikon von 1897, welches noch in der 6. Ausgabe von 1909, Bd. 19, S. 474 f., aufgeführt wird.

Der Name Theriak erscheint auch bei der Bezeichnung der Theriakwurzel. Da bei handelt es sich um Baldrian (Valeriana officinalis). Die Namensübernahme rührt vermutlich daher, weil Baldrian einen wichtigen Bestandteil der Theriakmixturen bildet. Es ist anzunehmen, dass die Krämer beide Substanzen feilgeboten haben. Baldrian nennt Fuchs Baldrion oder Katzenkraut, da der eigenartige Geruch Katzen und anderes Getier anlockt. Es wird als ein vorzügliches krampflösendes Mittel bezeichnet und gegen Epilepsie, Migräne, Hysterie etc. angewandt. Fuchs empfiehlt es bei Menstruationsbeschwerden (Cap. CCCXXX; Abb. CCCXCII).

Eberwurz (Carlina acaulis) ist heute als Silberdistel bekannt und unter Naturschutz gestellt, weil er durch Ausgraben der Wurzel nahezu ausgerottet wurde, wirkt harnund schweißtreibend und wird als Wurmmittel, als Mast- und Brunftpulver verwendet (Cap. CCCXXXIX; Abb. CCCCCV. – Siehe Abb. 6).

Enzian (Gentiana lutea): Neben dem blauen Alpenenzian, der auch unter Naturschutz steht, gibt es noch 400 verschiedene, auch einheimische Arten. Verwen det wird vorwiegend die Wurzel, die gegen Verstopfung, auch gegen allerlei Gift, gegen schwachen Magen und Kopfschmerz empfohlen wird (Cap. LXXIIII; Abb. CXI).

Die haben alle Dorffkrämer fayl bey uns in Wochenmärkhen:

  • Wurmsamen
  • Muckenbulffer

Wurmsamen (Semen cinae): Es handelt sich dabei um ein außereuropäisches Gewächs, das zur Familie der Artemisia gehört. Es gilt als außerordentlich wirksames Entwurmungsmittel gegen Darmparasiten wie Bandwürmer, Spulwürmer, Madenwürmer usw. Fuchs äußert sich nur zu den auch zur Artemisia-Familie gehörenden einheimischen Pflanzen, wie Beifuß, Wermuth und Rainfarn. Letzterer wird auch Wurmkraut genannt, weil ihm ebenfalls wurmtötende Eigenschaften nachgesagt werden.

Muckenpulver: Damit ist Insektenpulver zur Insektenbekämpfung gemeint, das in erster Linie gegen Stechmücken oder auch Wanzen verstäubt wird. Man gewinnt es aus getrockneten Blüten einer der Gattung Pyrethrum (heute Chrysanthemum) zugehörigen Pflanze, die auch in Gärten angebaut wurde. Bis ins 19. Jahrhundert war es noch als dalmatinisches oder persisches Insektenpulver im Handel. Auch Fuchs kennt ein Pyrethrum mit dem deutschen Namen Bertramwurz (Cap. CCXLVI; Abb. CCCLXV), erwähnt aber kein Insektenpulver.

Dise Stückh gehörn alle zu den Leussalben, die der gmayne Mann braucht zu allem Vihe:

  • Leuskörner
  • Lor Öhl
  • Quecksilber

Läuskörner (Semen sabadillae) stammen ebenfalls von einer außereuropäischen Pflanze, die in den Feuchtgebieten Mexikos gedeiht. Da dieses Land erst Anfang des 16. Jahrhunderts vom Spanier Cortez erobert wurde, ist es erstaunlich, dass diese Species schon um 1590 gehandelt wird, zumal einige Quellen davon sprechen, dass Läuskörner erst Mitte des 17. Jahrhunderts abgebildet und allgemein bekannt wurden. Offenbar waren sie aber schon früher nach Europa gekommen. Fuchs erwähnt die Läuskörner nicht, vermutlich weil diese nicht zu den einheimischen Species zählen. Sie wurden zur Läusebekämpfung als Bestandteil von Läusepulver eingesetzt und werden heute noch in der Homöopathie verwendet.

Loröl (Oleum lauri) wird aus den warm gepressten Früchten des im südlichen Europa heimischen Lorbeerbaums gewonnen und erscheint als ein salbenartiges, körniges, grünes Fett mit starkem Lorbeergeruch und bitterem Geschmack. Da der Lorbeerbaum bei uns nicht heimisch ist, kommt wahrscheinlich das Loröl bei Fuchs nicht vor. In den Apotheken des 19. Jahrhunderts ist das Loröl noch Handverkaufsware, die

der gemeine Mann zum Einreiben bei Geschwüren, Rheuma, Koliken etc. benützt.

Quecksilber (Hydrargyrum) ist neben Brom das einzige Metall, das bei Normalbedingungen flüssig ist. Quecksilber wird heute wegen seiner toxischen Eigenschaften weitgehend gemieden, auch ist die Benutzung zunehmend verboten. Dafür liefert das Pharmazeutische Handbuch 1878 bereits eine treffende Beschreibung: Quecksiber ist in jeder Gestalt und Verbindung ein dem organischen Leben feindliches und deshalb giftiges Metall! Vergiftungen können schon beim Einatmen der bei gewöhnlichen Temperaturen entstehenden Dämpfe auftreten! Der Naturforscher und Arzt Georgius Agricola berichtet um 1500 von der Quecksilberkrankheit bei Minenarbeitern im Harz.

Trotzdem setzte Paracelsus zu Beginn des 16. Jahrhunderts Salben mit verteiltem Quecksilber oder Quecksilberoxyd zur Behandlung der Volksseuche Syphilis ein. Noch bis ins ausgehende 18. Jahrhundert hielt man es für ein geeignetes Mittel zur Behandlung von Frauenkrankheiten. Die Gefährlichkeit von Quecksilber wird durch Massenvergiftungen bei Industrieunfällen des 20. Jahrhunderts unterstrichen. Fuchs erwähnt es nicht, da es keiner pflanzlichen Herkunft ist. Aus heutiger Sicht sind Todesfälle früher wohl mehr auf eine Quecksilberbehandlung, denn auf die damit behandelte Krankheit zurückzuführen gewesen.

Dise Wahren hat der Lebküchner bey uns fayl alle Jharmärckh, Manus Christii gehört zu dem Confeckh:

  • Rauchkerzlein
  • Senetblätter
  • Manus Cristii

Rauchkerzlein: Aufwand trieb man auch zur Ausräucherung der „guten Stuben“. Da gab es köstliche französische Rauchkerzlein und „englischen Rauch“. Sie dienten besonders an Feiertagen dazu, einen angenehmen Geruch zu verbreiten. Bei den prekären hygienischen und sanitären Verhältnissen des 16. Jahrhunderts sicher ein unentbehrliches Gut.

Senetblätter (Folia Sennae): Fuchs beschreibt zwei einheimische Arten, von denen eine von Paracelsus als „colutea aborescens“ benannt wurde. Auf Deutsch wird sie Linsenbaum bzw. „welsche Linsen“ genannt (Cap. CLXIX; Abb. CCL). Die andere Art, so Fuchs, „würt von unsern Teutschen von seinem Lateinischen namen her Senet geheyssen“ (Abb. CCLI). Beide Pflanzen gleichen einander fast vollständig und beide „pflanzt man in Gärten“. Es ist nicht eindeutig zu bestimmen, welche Art u. a. von Paracelsus erstmals als Abführmittel empfohlen wurde. Das Apothekenlexikon des Samuel Hahnemann von 1799 spricht noch von deutschen Senetblättern und meint den Linsenbaum. Es ist anzunehmen, dass die in der Supplikation erwähnte Species einer der beiden von Fuchs beschriebenen entspricht. Die in späterer Zeit auftauchenden Sennablätter gehören zur Gattung Cassia und stammen fast ausschließlich aus außereuropäischen Anbaugebieten, deren allgemeine Erschließung für das 16. Jahrhundert noch nicht als sicher angenommen werden kann. Wie auch immer, alle Blätter stehen im Ruf abführend zu wirken.

Manus Christi: Es handelt sich dabei um selbst herstellbares, sehr altes Zuckerwerk, dessen Bezeichnung in französischen Quellen des 14. Jahrhunderts erstmalig erscheint. So bereits auf einer Einkaufsliste von 1392 in „Le Menagier de Paris“, zusammen mit anderem Konfekt, z.B. mit kandierten Nüssen und Früchten. Eine andere Quelle von 1334 aus Nimes erwähnt auf einer Liste von Sakramentsempfängern zwei geweihte Behältnisse, eines für Manus Christi, das andere für Konfekt. Daraus könnte geschlossen werden, dass die Hostie damals bei der Feier der Eucharistie in Form von Zuckerplättchen oder Stücken ausgeteilt wurde. Der Ursprung des Namens hätte damit eine plausible Erklärung! In der Enzyklopädie „Larousse du XX. Siecle“ ist Manus Dei als „main de Dieu“ zu finden, mit dem Hinweis aus der alten Pharmazie zu stammen, und wird mit „espece d’emplatre fondant“ oder als im Munde zergehendes Zuckerwerk erklärt.

Auch im England der Elisabethanischen Zeit (ca. 1533–1608) war Manus Christi als Konfekt sehr populär und weit verbreitet. Damals hatte es offenbar durch englische Kolonisten und schon vor der Gründung der Vereinigten Staaten den Weg über den Atlantik gefunden, denn in Martha Washingtons, der Frau des ersten Präsidenten der USA (1732–1802), „Book of Cookery and Book of Sweatmeats“ erscheint ein Rezept:

To make Manus Christi, take halfe pound of refined sugar and some rosewater & boil them together till it comes to sugar againe. Then stir it about till it be almoste cold. Then take leaf gold and mingle with it as much as you shall think fit. Then cut it in round goblets, and so keepe them.

Seit alters her glaubte man an die Heilkraft von Gold, woher auch die Beimischung von Blattgold im bis heute hergestellten Goldwasser rührt. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so schreibt Dr. Hager, sei es zu einer Renaissance dieser alchemistischen Vorstellung gekommen und Goldpulver sei als mächtiges Tonikum von hoher restaurativer Wirkung in beträchtlichem Ansehen gestanden. Manus Christi taucht schließlich auch auf dem Kontinent auf. Der Verfasser des „Neuen Kräuterbuchs“ von 1588, Jacob Theodor alias „Tabernaemontanus“, einer der bedeutendsten Botaniker des 16. Jahrhunderts, der auch mit Leonhart Fuchs Kontakt hatte, veröffentlichte in seinem Werk seinerseits ein Rezept. Unter dem Titel „Krafttäfelein“, „Manus Christi violati“ genannt, beschreibt Tabernaemontanus die Zubereitung einer Art aromatisierter Zuckerkruste, welcher Veilchenwasser oder zerstoßene Veilchenblüten beigemischt sind.

Die Krafttäfelein sollen also bereytet werden: Nimb des recht destillierten Violenwassers oder in Mangel dessen, seihe ein Wasser von frischen oder dürren Violen, oder das noch besser ist, nimb des ausgepressten Safts von Violen, thus in ein Küpferins Pfännlein, nimb dess reinesten weisen und härtesten Zuckers, zerstoss jhn groblecht, und thu jhn darin, lass auff einem sanfften Kohlfewerlein, so nicht rieche, gemächlich zergehen und sieden, bis sich die Feuchte verzehre und soll auff ein halb Pfundt ein Vierling [Hohlmaß nicht definierter Größe; Anm. d. Verf.] genommen werden. Heb es schnell ab und wirff auf einen glatten Stein oder Brett, so zuvor mit feinen Semmelmehl wol gestreuwet seye, zu kleinen runden Küchlein. Diese Täfelein stärcken das Hirn, Hertz, bekräfftigen die lebliche Geister, löschen den Durst, halten den Mund und den Halß feucht, erquicken die Kranken, so von der Hitz und scharffen Fe bern gar nahe verschmachten.

Veilchen mit dunkelblauer Blüte (viola odorata) galten traditionell als ein wirksames Heilmittel und schon Fuchs beschreibt die Violen (Cap. CXVII; Abb. CLXXIIII) und erwähnt die Herstellung von Violen-Zucker und Sirup gegen verschiedene Unpässlichkeiten. Auch bei Dr. Hager werden noch solche Präparate beschrieben, er räumt aber ein, dass man inzwischen weiß, dass zum Ruf als Heilmittel wohl in erster Linie der Duft bzw. die blaue Farbe beigetragen haben, obwohl man lange an eine Heilpflanze glaubte.

In Crailsheim taucht der Begriff „Kraftküchlein“ auf, deren Lieferung durch den Krämer Hannß Rholeder im Verlauf der Hexenprozesse nachweislich von der Obrigkeit bezahlt wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es sich um eine lokale Bezeichnung für das Manus-Christi-Zuckerwerk gehandelt hat.

Spätestens im 16. Jahrhundert war Manus Christi offenbar zu einer profanen Darreichungsform für Heilmittel mutiert und damit zur konkurrierenden Spezies zwischen Apothekern und Krämern geworden. Dadurch dürfte auch mit der Zeit das Wissen um den mittelalterlichen sakralen Ursprung von Manus Christi verloren gegangen sein. Trotzdem hat sich in zwei großen europäischen Ländern mit einer starken katholischen Tradition die Verteilung von kandierten Zuckerstückchen bei Familienfeiern mit einem sakralen Hintergrund als Volksbrauch erhalten, so bei Hochzeiten in Italien mit „i confetti“ oder bei Taufen in Frankreich mit „les dragees“.

Langen Pfeffer, den braucht man tächlich zu dem Essig

Langer Pfeffer (piper longum): Es handelt sich um „bengalischen Pfeffer“, der aus Südostasien stammt. Er war schon den Römern bekannt und ist deutlich schärfer als der übliche schwarze Pfeffer, hat aber eine süß-säuerliche Note. Dies könnte auf seine Verwendung für Essig hindeuten. Fuchs hingegen beschreibt vier Sorten eines „indianischen Pfeffers“, wobei er einen davon als „langen Indianischen Pfeffer“ bezeichnet und auch abbildet (Cap. CCLXXXI; Abb. CCCCXIX). Es handelt sich dabei um Paprika (Capsicum), umgangssprachlich heute als Peperoni bekannt.

Diese Pflanzen stammen aus Mittelamerika und wurden 1496 auf der zweiten Fahrt des Kolumbus mitgebracht und in Spanien angebaut. Deshalb wurden sie auch „spanischer Pfeffer“ genannt. Fuchs kannte diese Bezeichnung und schreibt: Indianischer Pfeffer ist ein frembd Gewechß, newlich in unser Teutschland gebracht. Er ist allerdings nicht identisch mit dem „piper longum“.

Fuchs erwähnt aber auch einen „calechutischen Pfeffer“, ohne näher darauf einzugehen. Diese Bezeichnung geht zweifelsohne auf die indische Hafenstadt Calicut zurück. Sie war vom 13. bis 15. Jahrhundert die bedeutendste Hafenstadt und das führende Gewürzhandelszentrum an der Westküste Ostindiens. Hier landete Vasco da Gama 1498 und hatte damit den Seeweg nach Indien gefunden. Es dürfte nicht mehr lange gedauert haben, bis der echte „lange Pfeffer“ seinen Weg auch nach Crailsheim fand.

Fenum Grecum, den bauen wir uns selber in den Garten

Fenum Grecum (Trigonella): Diese Pflanze nennt Fuchs auf Deutsch „Bockshorn“, und spezifiziert, dass es nit wechßt von im selbs in unsern landen, muß durch den samen in gärten auffgezogen werden. Er spricht vorwiegend von der Verwendung des Samens und dessen Mehl, um die verschiedenartigsten Trinkmixturen zuzubereiten. Sie werden auch als Umschläge empfohlen, weil sie entzündungshemmend wirken (Cap. CCCXI; Abb. CCCCLVIII. – Siehe Abb. 8).

Auch heute noch wird die Pflanze in trockenen Ländern als Nahrungs- und Futtermittel angebaut. Bei uns ist sie als Bockshornkleesamen (Semen fenum grecum) oder Pulver im Handel. Die Indikationen weisen eine große Breite von Krankheiten auf, anscheinend ohne nennenswerte Nebenwirkungen hervorzurufen. Auch Sebastian Kneipp stellt fest: „Fenum grecum ist das beste mir bekannte Heilmittel zur Auflösung von Geschwüren (Furunkel) und Geschwulsten“. Auch als Pflaster und in Viehpulver wird es häufig angewandt. Neuerdings wird es zur Anregung der Milchsekretion beim Stillen empfohlen und als Gewürz Brot und Hartkäse beigemischt. In frühen Zeiten wurde es auch als Aphrodisiakum und bei der Geburtshilfe erwähnt.