Crailsheimer
Historischer Verein e. V.

von

Louise Beck (25. Juni 1911 – 24. März 2004).

Unsichtbare Brücken spannen
von dir zu Menschen und Dingen …
- Rose Ausländer

Louise Beck, deren Leben am 24. März 2004 reich erfüllt zu Ende ging, lebt in den Herzen vieler Crailsheimer, gerade auch des Crailsheimer Historischen Vereins, weiter. So sei hier ein Rückblick auf ihr Leben und auf ihre große, unverwechselbare Persönlichkeit erlaubt, eine Persönlichkeit, die ihre Heimatstadt Crailsheim über ein dreiviertel Jahrhundert prägte.

Am 25. Juni 1911 erblickte Louise Beck geb. Selzam, auch Liesel genannt, in Crailsheim das Licht der Welt. Bereits in ihrem ersten Lebensjahr verlor sie den Vater – so musste ihre Mutter, eine „Kleidernäherin“, allein für den Unterhalt sorgen. In ihrem Wohnhaus in der Schönebürgstraße, an dessen Stelle heute die Pizzeria Roma (heute Gartenstr. 1) steht, befand sich auch ihre Nähstube (später wechselte sie mit Geschäft und Wohnung in die Innenstadt). Das Haus gehörte dem jüdischen Bürger Nathan Mezger und seiner Frau Lina; deren Sohn Martin, im gleichen Jahr wie Louise Beck geboren, war einer ihrer Kindheitsgefährten.

Nach vierjähriger Volksschulzeit besuchte Liesel Selzam sechs Jahre die Mittelschule (Realschule), die als „ausgezeichnet“ galt; danach absolvierte sie eine Lehre in der Schreibwaren- und Buchhandlung Baier. Sowohl im Verkauf, als auch im Büro beschäftigt, wurde sie dort schon bald zu einer hoch geschätzten Mitarbeiterin – ihre Freundlichkeit, ihre Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft charakterisierten sie schon damals in besonderem Maße. Der Firmenchef setzte sie im Kunden- wie im Mitarbeiterkreis vor allem dort ein, wo großes Vertrauen gefragt war. Abwechslungen boten ihr während ihrer Lehrjahre Einkaufsgänge für die Familie Baier, mitunter spielte sie sogar Kindermädchen für deren Sprösslinge – schließlich war die Verbundenheit von Lehrlingen und Gesellen mit der Familie des Lehrherrn bis zum Zweiten Weltkrieg nichts Unübliches. Hierbei durfte auch das gemeinsame sonntägliche Kuchenessen am großen Baierschen Familientisch nicht fehlen. Mit 23 Jahren heiratete Louise Selzam den Crailsheimer Bäckermeister Wilhelm Beck. Fortan arbeitete sie tatkräftig in der gegenüber dem Rathaus liegenden Bäckerei mit und leitete den Verkauf. Als ihr Mann mit Beginn des Krieges 1939 für ein Jahr eingezogen worden war, führte sie mit einem Gesellen die Bäckerei weiter. 1944 erhielt Wilhelm Beck erneut die Aufforderung zum Kriegsdienst – anstelle eines anderen Bäckers, der ursprünglich einberufen war, auf den die Nationalsozialisten jedoch ungern verzichten wollten, hatte der inzwischen 44-jährige der Aufforderung Folge zu leisten. Er ließ außer seiner Frau auch drei Kinder zurück: Sohn Wilhelm, der 1936 geboren wurde, Tochter Luise, 1938 geboren, und die 1941 zur Welt gekommene zweite Tochter Lore. Wilhelm Beck sollte nicht mehr heimkehren.

Durch den ersten großen Luftangriff auf die Crailsheimer Innenstadt am 23. Febr. 1945 verlor Louise Becks Mutter Wohnung und Schneiderei. Das eigene Haus mit Bäckerei wurde gleichfalls beschädigt und brannte während des zweiten schweren Luftangriffs am 17. April völlig ab. Louise Beck hatte zu jenem Zeitpunkt ihr Haus bereits geräumt. Sie war mit ihrer Mutter und den Kindern nach dem Bombenangriff im Februar für einige Tage bei Verwandten untergekommen, zog dann aber mit Leiter- und Kinderwagen nach Wollmershausen, einem Dorf nordwestlich von Crailsheim. In einer kleinen Backsteinhütte, der so genannten „Jagsthütte“ – damals „Landheim“ genannt und oft von den Christlichen Pfadfindern genutzt – richtete sie sich mit ihrer Mutter, ihren Kindern und dem Wenigen, das sie noch besaß, ein. Die Hütte wurde für 1½ Jahre ihr Zuhause. Der einzige benutzbare Raum diente ihnen als Wohn- und Schlafraum sowie als Küche. Sie schliefen auf Strohsäcken, in den Sommermonaten verbrachten die Kinder die Nacht gerne auf dem Dachboden. Strom und fließendes Wasser gab es nicht, Louise Beck musste täglich von einer Quelle, die etwa 500 m von der Hütte entfernt lag, das Wasser holen. Bei einem Wollmershausener Bauer erstand sie für ihre Familie das „tägliche Brot“ – Sohn Wilhelm half als „Gegenleistung“ die Kühe hüten und den Stall ausmisten. Im nahegelegenen Wald konnten sich im Sommer alle mit Beeren eindecken, die kleinen schmackhaften Erdbeeren liebten sie besonders.

Trotz des schweren Schicksals verlor Louise Beck jedoch Wesentliches nicht: ihr Gottvertrauen und, damit aufs Engste verbunden, das Vertrauen ins Leben, ihre Herzlichkeit, den Mut und den Humor. An eine humorvolle wie gleichsam liebenswerte Begebenheit aus jener Zeit erinnern sich die Töchter noch heute schmunzelnd: um ihren Kindern das Leben etwas zu „versüßen“, bereitete ihnen Liesel Beck sonntags den „Sunndoochsbudding“ zu, das waren Erdbeeren mit Sahne. Sie schöpfte dafür den frischen Rahm von der Milch ab, die sie beim Bauer holte. Hinter zugezogenen Vorhängen, die mögliche neiderfüllte Blicke von Spaziergängern abhalten sollten, ließen sich die Kinder ihre Festspeise munden.

Im Herbst 1946 fand Louise Beck in der Haller Straße eine neue Wohnung; mit einem erneuten Umzug 1948 konnte sie ihre Wohnsituation leicht verbessern, in dem Jahr, in dem sie auch eine Arbeit in der Eisenwarenhandlung Erich Arold aufnahm, um den Unterhalt für ihre Familie zu verdienen. Rund zehn Jahre lang half sie dem Firmenchef, Öfen, Herde und Haushaltswaren zu verkaufen. Mit dem Verkauf ihres am Marktplatz liegenden Grundstückeigentums an die Stadt, die am Ort der zerstörten Bäckerei das „Amtshaus“ errichtete, war Liesel Beck in der Lage, Mutter und Kindern ein neues Heim zu schaffen: auf dem Gelände ihres Gartens in der Beuerlbacher Straße, nordöstlich vor der Stadt gelegen, baute sie 1954/55 ihr Haus – unweit des Jüdischen Friedhofs, für dessen Pflege sie fortan die Verantwortung übernahm. Bis zum Frühsommer 2002 war es ihr vergönnt, eigenständig in ihrem Haus zu leben. Im Mai jenes Jahres zog sie sich eine schwere Lungenentzündung zu, von der sie zwar wieder genas, die sie letztlich jedoch zwang, die ihr noch verbleibenden 1½ Lebensjahre im KettelerHaus, einem Seniorenheim in Crailsheim-Altenmünster, zu verbringen.

Vielseitige Engagements, Stadthistorische Recherchen - Der „Nachlass Liesel Beck“

Louise Beck zeichnete sich nicht allein im Familien- und Berufsleben als herzliche, verlässliche und engagierte Frau aus – auch ihre „Freizeit“ gehörte Engagements, die ihr immer wieder Freude bereiteten. So zählte sie nicht nur zu den Mitgliedern der Crailsheimer Theatergemeinde (sie war auch 30 Jahre lang für den Verkauf der Theaterkarten und Programmhefte zuständig), musikbegeistert, sang sie auch über 20 Jahre lang im Kirchenchor der evangelischen Johannesgemeinde mit. Wichtig waren ihr desgleichen stets die Jahrgangstreffen 1911, deren Mitorganisatorin sie war. Es gelang gerade ihr, die ehemaligen Klassenkameraden zusammenzubringen und den Kontakt untereinander am Leben zu erhalten.

Ihrer Liebe zur Geschichte ihrer Stadt und ihrer Hohenloher Heimat verlieh sie ein ganz individuelles Gepräge: auf kleinsten „Zettelich“ sammelte sie alles erdenklich Bedeutende über die Menschen Crailsheims, notierte sie alles Wichtige zur Kultur und Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert, fein säuberlich geordnet. Bei einem an der städtischen Volkshochschule 1991 bestehenden Gesprächskreis „Altes Crailsheim“ wirkte sie aktiv mit. Historisch Forschende, Laien wie Fachleute, suchten ihre Hilfe und ihre Kenntnisse, profitierten von der Fülle ihres Wissens. Um viele ihrer Kenntnisse für die Nachwelt zu bewahren, überließ Louise Beck in ihren letzten Lebensjahren die wichtigsten Fakten dem Stadtarchiv. Unter dem „Nachlass Liesel Beck“ finden sich dort Genealogien Crailsheimer Familien sowie der gesamte Briefwechsel mit Überlebenden der Shoa (s. u.). Solange ihre Augen „mitmachten“ (sie litt im Alter an einer fortschreitenden Maculadegeneration), führte sie auch manche/n Wissenschaftler/in in das Lesen der jahrhundertealten Kirchenbücher von St. Johannes ein. Für ihr großes stadtgeschichtliches Engagement ernannte sie der Crailsheimer Historische Verein an ihrem 90. Geburtstag zum Ehrenmitglied.

„Botschafterin der verlorenen Heimat“ - Initiativen zur Wiederversöhnung mit überlebenden Crailsheimer Juden

In ganz besonderer Weise lastete das Schicksal ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger und Freunde auf ihr. Die Verfolgung dieser Menschen, die Auslöschung der einstmals lebendigen jüdischen Gemeinde von Crailsheim schmerzte sie bis ins hohe Alter. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verweigerten sie und ihr Mann den menschenverachtenden Anordnungen ihre Gefolgschaft. So beugten sie sich nicht dem Befehl, mit dem Schild „Juden unerwünscht“ diesen den Zutritt zu ihrem Geschäft zu verwehren. Für Liesel Beck, die mit dem Kind jüdischer Nachbarn gemeinsam aufwuchs, die zu jüdischen Mitbürgern stets einen normalen und guten Kontakt pflegte, war es undenkbar, ihnen ihr Haus zu verschließen. Die Juden wurden in der Beckschen Bäckerei weiterhin willkommen geheißen. Die letzte Begegnung mit einer Crailsheimer Jüdin blieb Liesel Beck schmerzlich im Gedächtnis: Selma Essinger kaufte am Abend vor ihrer Deportation nach Riga, wo sie, ihr Mann und ihre Tochter 1942 umkamen, noch ihr Brot bei ihr.

Wenige Jahre nach dem Ende der Kriegswirren fing Louise Beck an, erste Spuren von deportierten Juden ihrer Heimatstadt aufzunehmen. Das Wiedersehen mit dem Spielgefährten ihrer Kindheit „brachte den Stein ins Rollen“. Martin Mezger, der 1933 Crailsheim verlassen hatte und sich in Frankreich eine Existenz als Arzt aufbaute, kam auf der Suche nach seiner Mutter, von der man 1942 aus dem Warschauer Ghetto das letzte Lebenszeichen hatte (sein Vater war 1936 in Crailsheim gestorben), gegen Ende der 40er Jahre in seine alte Heimat. Es gab für ihn vor allem einen Menschen, an den er sich dort unmittelbar wandte: Louise Beck. Ihre Verbindung riss von da an bis zu Martin Mezgers Tod 1973 nicht mehr ab. Über die persönliche Freundschaft hinaus keimte der Gedanke, sich auf Spurensuche nach den deportierten Mitbürgern zu begeben, herauszufinden, wohin die einzelnen verschleppt worden waren, was mit jedem von ihnen geschehen und wer noch am Leben war. Und der Gedanke reifte in Louise Beck in kürzester Zeit zum Entschluss.

So begann sie, nach den Menschen und ihren Schicksalen zu forschen. In mühevollsten Recherchen ging sie möglichen Spuren nach, die sich „oft … im Nichts“ verloren, die aber auch ihr Ziel erreichten. Mit dem späteren Erscheinen des Buches über das jüdische Leben in Crailsheim konnte Liesel Beck, die an dem Werk intensivst mitarbeitete, die Wegstationen der Deportierten aufzeigen.

Eine an der Volkshochschule 1972 gegründete Arbeitsgemeinschaft, die sich die grundlegende Erfassung sämtlicher Informationen über die durch Emigration und Vernichtung ausgelöschte Bevölkerungsgruppe zur Aufgabe gemacht hatte, unterstützte sie mit unermüdlichem Einsatz. Dreizehn Jahre später initiierte sie den Arbeitskreis „Juden in Crailsheim“, der später in „Erinnerung und Begegnung“ umbenannt wurde. Dessen Auftrag war es, eine Einladung an die überlebenden und emigrierten jüdischen Bürger und die Tage der Begegnung mit ihnen vorzubereiten (in ihrem Kreise entstand auch das oben genannte Buch). Louise Beck hatte bis dahin bereits fundierte Vorarbeit geleistet. Sie hatte, gerade auch mit der Hilfe Martin Mezgers, Überlebende und deren Nachfahren, die in aller Welt verstreut leb(t)en, ausfindig gemacht und mit ihnen rege Korrespondenzen begonnen. Diese führte sie, soweit es ihr aufgrund ihrer abnehmenden Sehkraft möglich war, bis zu ihrem Tod weiter. Die Versöhnung mit diesen Menschen, ihnen „Brücken“ in ihre verlorene Heimat zu bauen, lag Louise Beck sehr am Herzen. Nach schweren Bedenken und auch Ängsten, welche die jüdischen Männer und Frauen anfänglich hegten, trugen die beharrlichen Bemühungen und die herzliche Offenheit Liesel Becks Früchte: sie nahmen ihre und Überreichung des Bundesverdienstkreuzes durch Oberbürgermeister Schlenvoigt am 9. Nov. 1991.die von der Stadt Crailsheim ausgesprochene Einladung an. Ihr Besuch vom 14. bis zum 21. Mai 1987 wurde zu einem bewegenden Ereignis und zu Tagen von tief empfundenen Begegnungen in und mit der ehemaligen Heimat.

Die großen Verdienste Louise Becks wurden mit zwei hohen Auszeichnungen gewürdigt. Ein Jahr nach dem Besuch der Crailsheimer Juden konnte ihr der damalige Oberbürgermeister der Stadt, Karl Reu, die Landesehrennadel verleihen. Mit dem Bundesverdienstkreuz, für das sie der aus Crailsheim stammende Jude Theo Stein dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vorgeschlagen hatte, durfte sie 1991 der Nachfolger Reus, Georg Schlenvoigt, ehren. Bei einer Gedenkfeier zur Reichspogromnacht und zum 50. Jahrestag des Beginns der Deportationen wurde ihr die hohe Würdigung als „Botschafterin der verlorenen Heimat“ (Schlenvoigt) zuteil.

Hohenloher Dialektsammlung

Wenige Monate nach ihrem Tod erschien in Crailsheim ein Buch über Redewendungen der Hohenloher Mundart5, an dessen Entstehen Liesel Beck mit beteiligt war und das gewissermaßen ihr „Alterswerk dokumentiert“. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt fing sie an, eine Sammlung zahlreicher Hohenloher Ausdrücke, Redensarten und Reime anzulegen, die kontinuierlich wuchs – bei meinen Besuchen stellte sie mir immer wieder Neuzugänge vor. Sie konnte sich dabei bis zuletzt auf ihr ausgezeichnetes Gedächtnis und ihre volle geistige Klarheit stützen. Den sich allmählich im Rückgang befindenden Dialekt zu erhalten, den Nachkommen die sprachlichen Eigenheiten, die lebendige Ausdruckskraft und Bedeutung der Mundart als Teil einer kulturellen Identität zu bewahren bzw. wieder zu erschließen, waren ihr ein großes Anliegen, zeugte aber auch wieder von der engen Verbundenheit mit ihrer Heimat. Mit Eberhard Zanzinger († 2006), einem weiteren Ur-Vertreter des hohenlohischen Dialekts, tauschte sie sich regelmäßig aus. Als ihr Augenlicht immer mehr nachließ, übergab sie ihm ihre umfassende Sammlung, die dieser vielfältig ergänzte und für die Veröffentlichung thematisch ordnete. Auf der CD, die dem Buch beiliegt, macht Louise Beck die Leser und Hörer mit den Crailsheimer Bräuchen aus dem Jahreskreislauf bekannt und begleitet sie mit heiteren Versen in ihrer vielgeliebten Mundart. So bleiben uns nicht nur ihre handschriftlichen Erinnerungen und gedruckten Texte erhalten, sondern auch ihre warmherzige, uns Crailsheimern vertraute Stimme.