Crailsheimer
Historischer Verein e. V.

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Nachdem in letzter Zeit mehrere Regestenbände ediert wurden, die auch Belege für Crailsheim brachten, erschien im Herbst 2007 Band 55 der Bayerischen Archivinventare über "Die Archive der Familienstiftung von Crailsheim. Familienkonsulentie und Herrschaft Rügland. Altes und Neues Archiv." Hinter diesem seltsamen Titel verbirgt sich ein bereits im 17. Jahrhundert entstandenes Zentralarchiv der Freiherren von Crailsheim, das in Ansbach, dann Rügland von den dortigen Interessenvertretern der Familie am markgräflichen Hof in Ansbach, zugleich Sitz des kaiserlichen Landgerichts (als Fortsetzung des Nürnberger Burggrafenamtes), angelegt wurde. 1752 wurde es erstmals systematisch erschlossen („Altes Archiv“) und in Pappbänden gebunden, 1806 in weiterer Differenzierung samt dem speziellen Bestand für die Herrschaft Rügland erneut geordnet („Neues Archiv“). 1975 wurde es mit dem inzwischen weiter angewachsenen Archivgut dem Staatsarchiv Nürnberg als Depot übergeben, wozu in den Folgejahren noch die Archive der einzelnen Rittergüter kamen, zuletzt 1995 das schon 1985 von Gerhard Taddey erschlossene Archiv Morstein-Hornberg mit der Hagenhofverwaltung.

Seitdem liegen ca. 450 lfm (laufende Meter) Archivgut der Familie von Crailsheim in Nürnberg, wovon das jetzt vorgelegte Inventar 123 lfm beschreibt; der Rest ist in Manuskriptform ebenfalls erschlossen. Die lange Dauer dieser Erschließungsarbeit, mit der eine Arbeitsgruppe des Archivs 1984 startete, ergab sich nicht nur aus der gewaltigen Menge des Archivgutes, sondern auch aus der Orientierung an den beiden älteren Ordnungen, die wieder hergestellt und gegebenenfalls ergänzt wurden. Hinzu kamen Akten, die 1848 von der Familie an die bayerischen Staatsorgane hatten abgegeben werden müssen, während andererseits der Nachlass des Grafen Krafft von Crailsheim und seiner Tochter Marie ausgesondert und an das Bayerische Hauptstaatsarchiv München übergeben werden musste, da Krafft von Crailsheim als bayerischer Ministerpräsident von allgemeinem Interesse für den Freistaat ist.

Wenn also das vorliegende Verzeichnis scheinbar „nur“ 27% des Archivbestandes erschließt, so liegt doch für unseren Raum damit eine nahezu komplette Erfassung vor, da ja die Archive Morstein, Hornberg und Hagenhof (weitere 43,6 lfm) schon von Gerhard Taddey bearbeitet wurden und die Familienkonsulentie vielfach nur noch eine Gegen-Überlieferung dazu darstellt. Umgekehrt deckt diese den Gesamtbereich der Familienbesitzungen und -angelegenheiten weitgehend ab, da sie seit Bestehen der Familienstiftung Kraffts von Crailsheim 1705 meist im Besitz eben dieser Stiftung zentral verwaltet wurden. Vor Ort entstanden lediglich Gegenrechnungen und besondere Belege der dort „residierenden“ Familienangehörigen. So konnte schon Sigmund von Crailsheim 1905 unter Benutzung des Zentralarchivs die Geschichte der Familie schreiben. Nur für die Zeit vor 1705 müssen die jeweiligen Gutsarchive zusätzlich herangezogen werden.

Was bringt nun dies Findbuch für die Geschichtsschreibung Crailsheims?

Zunächst dasselbe, was schon das Findbuch Taddeys geleistet hat, nämlich Unterlagen zum Crailsheimer Zehnten, der zu einem Viertel den von Crailsheim gehörte, zu Besitzungen der Familie in Ingersheim, Jagstheim, Onolzheim, Crailsheim, Reußenberg, Heinkenbusch, Tiefenbach, Maulach, Triensbach, Erkenbrechtshausen, Goldbach, dem Weilerhof und Hagenhof, der Oßhaldener Mühle und der „Geymannshalde“. Hinzu kommen Zoll- und Jagdstreitigkeiten mit dem Crailsheimer Landesherrn (u. a. der sog. „Reiherkrieg“), aber auch andere Crailsheimer Angelegenheiten. So führt das Register unter dem Stichwort „Crailsheim“ u. a. den hiesigen Chirurg Schauermann, drei Juden, einen Kaminfeger Gebert, aber auch den Familientag der von Crailsheim 1904 in Crailsheim auf. Besonders ausführlich sind natürlich Morstein selbst, Dünsbach und Hornberg belegt, dazu zahlreiche andere Orte innerhalb des Landkreises, so dass die Verfasser jeder Ortsgeschichte sich hier erst einmal vergewissern müssen, ob es nicht Belege in diesem Archiv gibt.

Die drei Register (Ortsnamen, Personen und Sachen) machen allein 184 Seiten des Doppelbandes mit insgesamt 940 Seiten und 6 964 Registernummern aus. Hierzu kommt die 16-seitige Einleitung zur Familie selbst und zur Archivgeschichte sowie die alten Archivgliederungen mit entsprechenden Konkordanzen von zusammen 59 Seiten. Allein diese enorme Editionsarbeit ist bewundernswert und für die Benutzung ausgesprochen notwendig. Denn eine Orientierung an der alten Aktenordnung (oder auch der neuen) ist mühsam und geleBuchbesprechung:gentlich frustrierend: So erscheinen z.B. die im alten Archiv unter „Cl. II Tit. VII“ angekündigten Archivalien zur „Particular-Convention zwischen Markgraftum und Rügland-Morstein“ überhaupt nicht oder gehören die unter „Nachbarstreitigkeiten Rügland“ angekündigten Akten überwiegend nach Morstein. Die zum selben Komplex gehörende Nr. 91 ist dabei unter Tit. XIX falsch unter Rügland erfasst. Ähnliche Probleme entstehen durch die Aufteilung in Altes und Neues Archiv, wenn z.B. Nr. 98 und 2 210 zwar dieselbe Angelegenheit wegen Reihern aus der Morsteiner Reiherhalde betreffen, aber eben auf die beiden Archive verteilt sind. Der zur selben Sache gehörende „Reiherkrieg“ (Nr. 99 f.) ist zwar richtig unter „Jagdstreitigkeiten“ notiert, aber wohl auch mit Nr. 103 gemeint, das unter dem Flurnamen „Rayheltshalten“ nach Dünsbach verlegt ist. Ähnlich zerrissen ist der Streit zwischen Morstein und den Erben auf Erkenbrechtshausen um die „Geymannshalde“ unter Nr. 131. Dazu gehören natürlich auch die Nummern 105 f., die, noch dazu in umgekehrter Reihenfolge, diesen Streit als Jagdstreit behandeln.

Insofern ist das Ortsregister die entscheidende Suchhilfe, führt freilich auch gelegentlich in die Irre, da offenbar die Kenntnis der württembergischen Besitzungen in Nürnberg zu gering war. Unser Crailsheimer Goldbach wird z.B. in den Landkreis Aschaffenburg verlegt, Liebesdorf bei Morstein als „Liebersdorf bei Bechhofen“ identifiziert, Nesselbach nach Neustadt a. d.A. und Mulfingen in den Ostalbkreis verlegt. Bei Großweilersholz fehlt die Zuordnung nach Roßfeld/Triensbach. Man muss also schon selbst ein wenig suchen, kann aber in erstaunlichem Umfang fündig werden, zumal, wenn man noch Taddeys Findbuch heranzieht. Insofern ist nur bedauerlich, dass die entsprechenden Archivalien nun in Nürnberg statt in unmittelbarer Nähe in Morstein einzusehen sind. Andererseits ist dort eben inzwischen der Gesamtbestand der von Crailsheimschen Familienarchive (außer Amerang) versammelt. Zudem war der zentrale Bestand der Familienkonsulentie in Rügland eher noch schlechter erreichbar und vor allem in miserabler Ordnung. Insofern ist Gerhard Rechter und seinem Arbeitskreis am Nürnberger Staatsarchiv für die mühevolle Erschließungsarbeit herzlich zu danken und der Doppelband künftig wichtiges Werkzeug der hiesigen Heimatforschung. Dankenswerterweise wurde er dem Verein von Herrn Rechter sogar unentgeltlich zur Verfügung gestellt und ist fortan im Crailsheimer Stadtarchiv zusammen mit dem Findbuch Taddeys einzusehen.